Text des Tages

Farewell Oleg Jurjew

 

DAS PARADIESGÄRTLEIN

Alle, die gestorben sind – Wolodja, Boris, Witja, Serjoscha, und Anja, und Lena – sie alle sind jetzt dort, im Paradiesgärtlein vom berühmten Bild, möglicherweise dem allerbesten Bild auf der ganzen Welt.

Sie sitzen, sie liegen, sie schlagen rote kleine Äpfel in den Korb herunter, sie zupfen Psalter, blättern im „Grafen Monte Christo“ am sechseckigen Steintisch, schöpfen mit einem angeketteten Löffel das schwarze körnige Wasser aus dem Brunnen von weißem Jerusalemer Stein und fragen sich: wann ich endlich komme.

Habt keine Furcht, ich komm’ bald.

Sie haben keine Zeit, um dieses bald zu definieren. Die habe auch ich nicht.

Bald öffnet sich das derzeit unsichtbare kleine Tor in der frontalen Mauer von weißem Jerusalemer Stein, von der die linke Seite entweder nach vorne geht und dadurch das Gärtlein zu einem seligen Gefängnishof umschließt, oder nach hinten, in dem Fall ist es der offene Ort unter der Mauer des himmlischen Jerusalem, und ihr picknickt einfach. 

Ihr werdet euch am Eingang? Ausgang? zusammendrängen – in paradiesischer Enge? in paradiesischer Weite? Ihr werdet zu lärmen beginnen, wenn ich, konfus und verblendet, an der Schwelle erscheinen werde: „Oleg, Oleg!“, werdet ihr schreien, “Hallo, komm her!” Das war ein Scherz selbstverständlich – wenn das Tor in der Mauer des himmlischen Jerusalem sich öffnen wird, wird Finsternis sein, und Schimmern der Sterne, und Flüstern der Wasser, und es wird weder euch noch mich noch das Gärtlein mehr geben.

Aus: VON ZEITEN. EIN POEM, Oleg Jurjew,  gutleut Frankfurt 2015

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