Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

***

Das Gedicht transzendierte die Wirklichkeit nicht mehr. Da stand es
und war nur noch sachliche Aussage: so und so, und der Kapo brüllt
„links", und die Suppe war dünn, und im Winde klirren die Fahnen.
Jean Améry

Kommt die Taube hinzu, sagt: „Hölderlin“.
Oleg Jurjew

Vu nemt men a bisele mazl,
Vu nemt men a bisele glik.
Jiddisches Lied

 

 

Weh mir, wo nehm‘ ich
die Suppe,
im Winde die Fahnen dünn,
wehs mer
so oder so,
und der Kapo
im Schatten der Erde.
Die im Winde klirrenden „links".
Und der Kapo trunken von Küssen:
Vu nemt men a bisele mazl.
Dünn waren die Fahnen.
Wehs mer, vu nehm‘ ich,
wenns Winter ist,
Rosen a bisele,
mazl a bisele,
Schatten, a bisele
Erde, a bisele glik.
Wehs mer, vu nemt men
gelbe Birnen
und wilde Suppe,
a bisele Wasser,
und der Schatten brüllt,
wo nehm‘ ich a bisele
mazl, wenns Winter und Blumen,
und Sonnenschein, wehs mer,
die Mauern stehn
im Schatten der Erde.
A bisele Erde
im Schatten des Gliks.

Erstveröffentlicht in manuskripte 225

Mehr Bilder und Texte