Fixpoetry

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Text des Tages

Emily Dickinsons Briefe

(Die Biene und der Imker)

Are you too deeply occupied to say if my Verse is alive?
E. D.

 

1
Die Biene, da sie ihren Kreis gezogen,
verließ die Runde und bog ab vom Bogen
(der Wiese, an der aufgeschlagenen Seite).

2
Die Biene fliegt ins Wiesenjenseits, leiblos,
und der Wiese bleibt eine pelzige Hülse,
und Emily steht dort, zu sehn begierig
durch das Loch nach der der Welt entflogenen Kugel:
das Bienenkorbjenseits jenseits des Korbs, die Jenseits-Wiese der Wiese.
Eine Biene hat sich im Licht verirrt
und summt, damit ihre Stimme nicht stirbt.

3
Fügsam geleitete sie hin in die Welt-hinter-der-Welt
die Bienen, Kleeblüten, Vögel, Freunde, die Anverwandten
und wen sie sonst noch liebte (ja, wen denn sonst noch?) –
und schaute
ihnen nach.
Das Gegenlicht,
das – augenblicklich und eifersüchtig –
den Garten ankohlte, gab keine Antwort –
leb wohl, leb wohl du, Herbarium aus dem Sommer.

4.
(Wo die samtenen Fellchen nicht mehr sind,
summt die Biene in Strahlengeweben,
so hats der Bienenapollo bestimmt,
auf dass der Bienenchor überlebe.)

5
Er, der im dunklen Jenseits der Wiese
leuchtete aus dem Imkerhutnetz
und der blätterte in dem Herbarium Licht
und las die Bienenschrift
und der Antwort Gras glattstrich,
reimte «bee» zu «Emily»
und fuhr heiter als Bö
in das sonnige Hiatus-Luft(loch)schloß »i«-»e«.

6.
Ich habe gelesen jetzt
dein Herbarium von Bienenbriefen:
auf einer pelzigen gelb-und-schwarzen Leiter
kamst in das Licht du –
und sagtest:
«Aber – im Dunkeln unter den Fellchen-Streifen
leben sie, meine Gedichte?»

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