Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Es ist immer noch September. Die Berghänge sind noch nicht gelb.
Doch als ob in der Luft ein Schluchzen steht.
Und der Garten besah erstaunt im Teich
Die zweifelhafte Anmut des Welkens.

Knisternde Zeit, nicht wiederholbarer Blick,
Eine zerzauste Weide schaut aus dem Wasser,
Eine alte Najade im Glimmerfenster,
Ich mühe mich, noch die Namen der Pflanzen zu wissen,
Die davongingen, ohne den Laubfall abzuwarten:

Rittersporn, irgendwessen tränende Herzen über dem Pfad, gelber Rainfarn
Und das, was ich schlicht Gras genannt hätte, und Wegerich,
Wegwarte, blau wie der Schlafanzug, -
Im Maul der Ziege, im Maul des Albums, in der Pfütze faulend.

Die Goldaugen kommen nicht mehr durchs Fenster des nachts,
Denn der September hat sie geopfert und seinen Dreifuß zusammengeklappt.

Die Zeit knistert im Garten leise, unhörbar,
Wie ein tauber Leierkastenmann, der nicht ahnt, daß sein Kasten kaputt ist,
Der Regen spült wie gewohnt das gewohnte Gewebe Welt,
Welches jedes Mal folgsam einläuft.

Es ändert sich nichts, nur dieser Sommerkehricht,
Diese Halme, Flügelchen, Säbelchen-Weidenblätter,
Sie sind bald nicht mehr.

Einem gleichmütigen Blick ist alles gleich gültig.
Über die staubige Tibet-Erde schreitet ein Mönch in orangenem Gewand
und schont die orangenen Siebenpunkt-Käfer.

Weine also, Luft des Septembers,
Der alle Farben zuhaufgefegt hat in seinen bunten Korb.
Die Farben dieses Musters
Verbleichen umsonst.
Niemand weiß noch von diesem Garten,
Wie er war drei Tage zuvor.

Aus: Rimbaud Verlag, Aachen 2001
Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova

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