Fixpoetry

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Text des Tages

Vision eines Jungen

Der Junge sitzt...
In seinem halb zerstörten Zimmer.
Im Himmel fliegt das Kriegsflugzeug.
Im dritten Stock, in der halb zerstörten Wohnung.
Ich schaue durch die Wohnung.
Ich weiß nicht, ob ich traurig bin oder nicht.
Der Staub ist auf allen Möbeln.
Hier ist der Rest des Lachens der Geschwister.
Und hier ist ihr Streit.
Durch meinen Kopf kommen Erinnerungen.
Meine erschöpfte Mutter...
Mit drei weißen Haaren.
Liegend auf der Bank.
Sie ertrinkt in dem Traum.
Und dem Beten.
Weißt du, dass das Schlafen meiner Mutter Beten ist... und ihr Stehen ist Beten.
Ihre zitternden Finger sind Beten.
Ihr trauriges Gesicht ist Beten.
Meine lachende... lächelnde Mutter.
Nur ihr Lachen ist Beten.
Ach... Ach...
Einen Kaffee mit ihr zu trinken, ist Beten.
Meine Mutter, das stille Gedicht.
Und die ehrlichsten Worte.
Meine Mutter ist das Zittern der Liebe.
Und Erinnerungen der Güte.
Ach... Ach...
Meine Mutter: der Traum, der nur einmal in Erfüllung gehen kann.
Meine Mutter: das Brot, das nicht schimmlig sein kann.
Wie kann das Brot aus dem Paradies schimmlig sein?
Das Flugzeug, das den Tod in sich trägt, unterbricht die Vision des Jungen.
Hast du versucht ein Gedicht zu schreiben, während du mit dem Tod kämpfst?
Hast du versucht ein Gedicht zu schreiben, während du im dritten Stock bist, nackt?
Du weinst um alles.
Du tanzt wie ein Verrückter... Allein...
Nackt... Allein... Vor dem nackten Weltall.
Das Flugzeug wirft die Bombe.
Der Junge lacht.
Der Junge schreibt sein Gedicht.
Die Nachbarn setzen drei Nachbarn bei.
Und sie singen.
Wie singen die Totengräber?
Weißt du, dass wir so geworden sind? Wir singen, während wir unsere Liebsten begraben.
Wir singen für die Revolution... und unsere Enttäuschungen.

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