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DIE GESTIRN

Es war offensichtlich, Lemon hatte die Schnauze voll. Sie rieb sich unentwegt an Wes’ Bein aber auch an der glatten Raufasertapete, die vom Vormieter alpinweiß gestrichen worden war. Manchmal jagte sie sich mit gewetztem Gebiss auch selbst, sehr oft jaulte sie dabei vor Schmerz. Aber nur nachts, wenn Wes schon längst eingeschlafen war, bis er alsbald traumwandlerisch nach dem Kontakt-Antiparasitikum griff und es Lemon auf ihr ebenmäßiges, bernsteinfarbenes Fell aufsprühte, behutsam und distanziert: Zur zuverlässigen Bekämpfungen von unerwünschten Eindringlingen wie Zecken, Flöhen oder Haarlingen. Überzeugt gerade auch aufgrund der besonders guten Verträglichkeit, für die auch die sehr hohe Anzahl zufriedener Anwender von 95% spricht, las Wes dann im Schein seiner Nachttischlampe auf der Sprühdose und er war sich nicht sicher, ob Lemon und er je Teil dieser fünfundneunzig Prozent sein würden. Es roch nach Vakuum, wenn sie gemeinsam einschliefen.

Rosemary, heaven will restore you in life. Das schnörkellose Epitaph schillerte in der Abendsonne auf dem nur drei Kilometer von der Nervenheilanstalt entfernten Friedhof von Fort Atkinson Wisconsin. Einige Jahre zuvor hatte Rosemary in der ersten Reihe neben ihren Eltern im Bostoner Opernhaus lauthals mit Tristan und Isolde zu johlen begonnen. Auch die Kritik war entzückt von der Inszenierung, verlieh ihrer Begeisterung jedoch auf gesellschaftsfähigere Weise Ausdruck. Rosemarys Tod kam dann kaum unverhofft. Die Bestürzung ihrer Eltern, besonders die ihres Vaters, war jedoch umso überraschender. Schließlich war er es gewesen, der sie nach dem Eingriff hatte einweisen lassen.

Lemon war ein Mischling. Wes wusste jedoch nicht, wo genau die Grenze zwischen Husky und Terrier verlief, aber er stellte sich gerne vor, dass es der hellgraue Streifen war, der sich wie eine Denkfalte quer über Lemons Stirn zog. Wenn Wes auf die Idee gekommen wäre Lemon zu fragen, hätte er eine andere Antwort erhalten. Lemon hätte dann gesagt, dass das keine Denkfalte sei, sondern eine Frontlinie, die die Gräben zwischen ihrer Vernunft und Unvernunft und zwischen dem Glück und dessen Gegenteil versinnbildlicht; und besonders den Graben zwischen ihrer gereizten Erdexistenz und der Schwerelosigkeit des Weltraums. Wenn selbst Lemons Großmutter schon vor Jahrzehnten in einer, an Saturnmonde erinnernden Kapsel das All und seine Unendlichkeit hatte erkunden können, warum musste sie sich dann in dieser Zweiraumwohnung mit Kontakt-Antiparasitikum besprühen lassen, um Haarlinge loszuwerden? Have some dognity! Wes hatte auf all das keine Antwort und Lemon behielt die Frage für sich.

Joseph, Rosemarys Vater, hatte seinen alten Schulfreund, Arzt und Psychiater Walter F. beim alljährlichen Familienurblaub am Comer See wiedergetroffen. Während die Zenitsonne Rosemary bei ihren schwunghaften Kraulbewegung die Oberarme bräunte, trugen ihr Vater und Walter Panamahüte unter Sonnenschirmen, hielten Getränke in der Hand und besprachen wichtige Dinge. Zum Beispiel, dass Walter ein Verfahren kannte, dass Rosemarys Retardierung vertuschen und ihre gesellschaftliche Entrückung wieder rückgängig machen könne. Das sei doch auch in Josephs Interesse, schließlich wolle er mit seinen Söhnen doch politische Karriere machen und da würde jemand wie Rosemary ein fahles Licht auf die Familie werfen, meinte Walter. Er klopfte Joseph zwei mal sachte auf die Schulter, bevor er sich erhob und endlich Klartext sprach: eine Lobotomie, Joseph. Die meisten halten sie für eine Trennung des Thalamus vom Stirnlappen, dabei verbindet sie vielmehr das vernünftig Unterschwellige mit der oberflächlichen Größe, die uns Menschen auszeichnet – sie gliedert ein, entgrenzt, baut ein Brücke, wo nur emotionaler Morast ist. Weil sie vor Entzückung in die Hände klatscht, wenn sie helläugigen Kindern begegnet, dachte Joseph dann für einen ganz kurzen Moment. Weil sie sich die Finger leckt nach dem Essen, weil sie der geisterhaften Freude, die den Alltag wie ein greller Schatten durchdringt, einfach und ungehalten Ausdruck verleiht, deswegen soll ich sie jetzt, dachte er – und schüttelte Walter F.’s Hand. It’s a deal.

Man hatte Laika, Lemons Großmutter, The Last Fronttier genannt, weil sie das erste und letzte Tier war, das die unsichtbare Lichtmauer zwischen der allesummantelnden Schwerkraft und der schwarzen Freiheit des Draußens überwunden hatte. Lemon war damals noch sehr klein und konnte nur durch milchgetrübte Welpenaugen zu ihrer Großmutter hochschauen, ohne zu verstehen, welches Wagnis, welches Risiko, welches Abenteuer sie wohl erwartete, sobald sie die Stratosphäre durchbrochen hatte. Überhaupt verstand Lemon damals vieles nicht. In der Familie hatte es zuvor keine Astronautinnen gegeben. Niemand war weiter gereist als bis zum Rande des Dorfes, das mit Gummibäumen und Stacheldraht umsäumt worden war. Lemon verstand auch nicht, dass die Läuse auch Großmutters bernsteinfarbenes Fell schon längst umzingelt hatten. Dass sich Großmutters graue Denkfalte auf der Stirn nicht vor astraler Vorfreude kräuselte, sondern vor juckendem Schmerz, wenn die ausgefallen intelligenten Haarlinge kriecherisch in jeder noch so kleinen Hautspalte ein dichtes Geflecht von blutrünstiger Zweithaut spannten. Als man rund 15 Monate später den mit atmosphärischer Glut überzogenen Leib von Lemons Großmutter aus der Kapsel befreite und untersuchte, stellte man fest, dass sie wohl nicht beim Eintritt verbrannt, sondern schon zuvor von Fremdkörpern zu Asche verwandelt worden war, dass die Haarlinge wohl eine Erbkrankheit waren. Lemon nahm einen großen Schluck Apfelschorle und kratzte sich am Kopf. Die Familie, bei der Lemons Familie damals wohnte, ließ ihre Großmutter feierlich beerdigen. Nur die Tochter hatte Großmutters Hand dabei immerzu gehalten.

Nachdem Walter F. Rosemary mit 23 Jahren narkotisiert, den Kopf aufgeschnitten und das befallene Nervenbündel mit dem Skalpell No. 34, das dem Skalpell No. 5 vom Klingentyp her sehr ähnlich war, getrennt hatte, war Rosemary nie wieder. Sie klatschte kaum und sah keine Kinder mehr. Sie grauste sich vor blauem Wasser. Sie nässte und verkotete sich. Sie verlernte zu sprechen. Man konnte sagen, dass der Faden, der Rosemarys Lebensfreude mit der drögen Realität der Restwelt verbunden hatte, wie eine Nabelschnur gekappt, dass Rosemary entzweit worden war. Joseph, der sich durch den Eingriff eine vollständige Vergesellschaftung seiner Tochter erhofft hatte, sah keine andere Wahl, als endgültig mit Rosemary zu brechen. Also betrat er das lichtdurchflutete und mit einer Magnolientapete ausstaffierte Zimmer in der Nervenheilanstalt von St. Colleta mit Rosemary – und dann nie wieder. Nicht mal als die Pfleger ihn und seine Frau Ruth schon nach fünf Jahren darauf hinwiesen, dass sie verabscheuenswürdige Monster seien.

Als Lemon dem Welpenalter entwachsen war und schon längst mit Wes lebte, fand sie bei einem Heimatbesuch auf dem Dachboden ihres Elternhauses eine Foto, das ihre Großmutter in einem speziell für Terrier-Husky-Mischlinge konzipierten Raumfahrtanzug zeigte. Auf der Rückseite der Fotografie war auf dem mattweißen Papier in blauer Tinte und serifenloser Schrift folgende Sätze zu lesen: Ich lag auf dem Divan, die Beine überkreuzt und irgendein Gott setzte mir einen Floh ins Ohr. Er lungerte erst nur in der Muschel herum, fläzte und flatulierte vor sich her, ganz gewöhnlich, fast wie ein Mensch für ein paar Wochen, und machte sich dann alsbald ans Werk mir mein Leben zu versauen. Rosemary, wo bist du nur?

Wes wollte das Bild einrahmen, aber dann hätte Lemon den Satz nie wieder lesen können. Deshalb lag das Portrait jetzt verstaubt in einer kleinen Holzschatulle neben Wes’ Bett. Und wenn Wes das Licht der Nachttischlampe ausgemacht hatte, holte Lemon es hervor und noch bevor der Morgen graute, dämmerte es ihr, dass das alles doch irgendwie etwas mit ihr zu tun haben könnte.

Laika war Rosemary nie von der Seite gewichen. Auch nicht, als sie von ihrem Vater Joseph ins Auto gezerrt und zu Walter F. gefahren werden sollte. Laika war beharrlich, bis Joseph ihr mit voller Wucht in den Bauch trat und nochmal und losfuhr. Laika war ein Mischling. Ein Viertel Terrier, dreiviertel Husky. Auf ihrer Stirn verlief ein grauer Streifen, das hatte aber nichts weiter zu bedeuten. Laika und Rosemary gingen oft gemeinsam schwimmen, machten sich zusammen im Bad bettfertig und schauten sogar nach den Sternen. In diesen Momenten sprachen sie oft vom Glück und dessen Gegenteil, von der Schwerelosigkeit, die Rosemary beim Schwimmen so liebte. Und sie erzählte dann von ihrem Vater, der ihr nie in die Augen schaute, der immer drei Meter vor ihr ging und sich dabei kein einziges Mal umdrehte, nicht mal, wenn sie laute lachte. Manchmal, sagte Rosemary dann zu Laika, während sie ihre Nase im von Haarlingen befallenen Bernsteinfell vergrub, manchmal glaube ich, dass er mich hasst. Laika berührte behutsam Rosemarys Hand und Rosemary ihre, als Laika, nur wenige Jahre nach der Lobotomie, verglüht aus der Raumkapsel gehoben wurde. Doch keine Nerventrennung der Welt konnte Rosemary daran zweifeln lassen, dass sie nur eine Hülle berührte, ein Überbleibsel einer begrenzten Zellstruktur. Laika lebte und war jetzt anderswo, nur ihr Körper war erhitzt worden in den Sphären der Erdrundungen. Laika war jetzt oben bei Rosemary.

 Als Lemon beim Tierarzt untersucht wurde, weinte Wes und man sagte ihm, dass Lemon bald wieder würde gehen können. Die Haarlinge hatten das Zellgewebe in der linken Vorderpfote jedoch dermaßen beschädigt, dass sie amputiert und durch eine intelligente Prothese ersetzt werden musste. Auf dem Heimweg streckte Lemon den Kopf aus dem offenen Autofenster. Ihre Ohren schlugen schlackernd gegen den sehnenhaft langen Körper, der durch das Mondlicht seltsam erleuchtet wurde. Ihr Blick wanderte nach oben. Der große Hund, dachte Lemon und sah eine Anordnung von Sternen, die tatsächlich exakt der eines großen Hundes, die sogar ihrer eigenen Hundeform entsprach. Es war lange her, seit Wes Lemon so laut hatte bellen hören.

 Jemand sang im Radio, als Rosemary ins Wasser sprang:
It’s a fine line.

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