Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

»Wo gegessen wird, fallen Krümel«
wird mein Grabspruch lauten.

Du gehst aus dem Haus weil der Tod dich bewegt
du schwitzt wegen des Kellners
der Balzac liest, hast literarische Ambitionen
Gründe, um endlich schlecht gekleidet herumzulaufen
ungekämmt und mit einem Sack über dem Kopf
damit es heißt, seht nur, hier kommt die portugiesische Literatur.

Du willst sogar die Welt vorm Schwefel retten
vor dem Schicksal der Bedauernswerten, die nach der
sparsamen Verführung des Matadors streben.

Ich werde mich kurz fassen.

Ich will in die Literaturgeschichte eingehen
mit einem Vers, den ich geklaut hab
zum Beispiel eine schwangere Jugendliche
mit einer riesigen Zahnlücke
die sich mit ihrer Mutter einen Schuss setzt.
Großes Bild, einfach mal so den Tagen abgeknöpft
aber was soll’s? Wenn hier im Viertel keiner lesen kann
und ich begierig darauf brenne, fürs Lyrische zu punkten
denn in diesen Fällen gibt man sich am besten kulinarisch
und geheimnisvoll, sagt einfach nur, bin glücklich
inmitten dieser Schweinerei nur zehn Minuten von der Menschheit entfernt.

Senhor Roubado – Café Lenita – Senhor Roubado

Ich will das glücklichste Gedicht meines Viertels schreiben
den Blick des Dealers heben
sagen, dass es möglich ist, die Tage zu flicken
zu zaubern, sagen, ja, ich lebe hier
mit einem Vorrat an Foucault und einem Tischlein
das mir Freiheiten erlaubt nur ein My entfernt vom Müll.

Doch ich bin ein Wesen, das so winzig ist wie die Gewissheit
dass diese Leute hier mir verzeihen würden, wenn ich sagte
dass ich mich schäme, hier zu leben
und dass ich ihnen das Leben nehme mit der Leichtigkeit eines Taschendiebs.

 

(Übersetzt von Odile Kennel)

 

Aus: Raquel Nobre Guerra: Senhor Roubado. Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel. hochroth Berlin 2019,

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