Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

AVA:LON

0.1
 
Der Mythos besagt, dass die zentrale Wasserfilteranlage von Any County älter sei als die Menschheit. So gibt es keinerlei Aufzeichnungen über sie, niemand weiß, aus welcher Quelle sie ihr Wasser bezieht oder wer sie gebaut hatte. Aber alle Menschen im Trailerpark drum herum füllen ihre Wasserkanister Abend für Abend an dem großen stählernen Monolithen.   Einige behaupten, eine Alienzivilisation hätte den Wasserfilter hier platziert und dann  sei das Leben entstanden und irgendwann Wohnmobile und mit ihnen unsere Zivilisation.   
 
0.2
 
Eines Nachts erwachte ich und musste kotzte, denn es erschien wieder dieser penetrante Mief. Ich erzähle Ihnen jetzt von diesem Mief.  Es war ein Geruch – sporadisch auftretend – nach Verwesung, Tod und Kacke, kontinuierlich stinkender. Ich saß auf der Couch und dachte über mein Leben nach. Draußen schrie jemand Feuer, aber das kümmerte mich nicht. Es war heiß und zu dieser Zeit, da fangen die Trailer in der Hitze an aufzubersten und Feuer zu fangen. Gestern sah ich bspw. einen, die Innenseite war nach außen (über das Dach) gewölbt, mit allem, was an den Wänden hing, leicht angekokelt: ein Schränkchen mit Gewürzen und so, hing alles raus…   Als ich da stand und mir diese verbogene Innenseite ansah, da hatte ich das Gefühl, knapp über einer kugelförmigen Spiegeloberfläche verschwommen im Hitzeflimmern zu schweben. Und hinter mir ist noch eine Spiegelsphäre. Und sie reflektiert nur das Spiegelbild von tausend anderen Sphären und die wahrhaftig echten Bilder sind irgendwo zwischen den Sphären, ununterscheidbar von den Brechungen.
 
Aber wieder zum Geruch: Ich saß also auf der Couch in meinem Trailer, der auf zwei anderen Trailern gestapelt aufliegt und die gemeinsam durch eine angeschraubte Leiter zusammengehalten werden. Auf der Herdplatte köchelte eine Nudelsuppe vor sich hin und da kam der Gestank wieder hoch, trotz der zahlreichen Duftbäumchen, die ich bei mir aufgehangen hatte (ich hatte einen kleinen Wald). Da ich herausfinden wollte, woher dieser Mief kam, stieg ich über die Leiter hinunter zu Selters, die einen Trailer unter mir wohnte.   Von Selters lernte ich viele Dinge. Sie legte großen Wert auf ästhetische Elemente; so dass sie das Minimum an Materialität um sich herum scherte, keinen Millimeter zu viel, alle Kanten ihrer Dinge waren Linien, von ihrem Zentrum her flüchtetend. In Punkt-Symmetrie: ihr eines Paar Socken, ein Kissen, keine Decke, eine Hose, wie viele Unterhosen, weiß ich nicht, zwei Tassen, zwei Löffel; zum Tee machen für sie und einen Gast. Sie machte grandiosen Tee. Sie gab sogar Teekurse in einem der Gesellschaftscontainern ab; in vollkommenen Schweigen.
 
Sie haben es sicherlich schon erahnt – es war Selters Leichnam, der so stank. Ich bin niemand, der gerne viel Spannung aufbaut. Ihr Leichnam lag nackt in der kleinen Chemiedusche mit den Beinen herausragend, den gesamten Bauchraum aufs brutalste aufgerissen und – soweit ich das beurteilen konnte – fehlten so ziemlich alle Organe. Also die im Brustkorb. Ich hab mal gehört, die Haut sei auch ein Organ, aber irgendwie verstehe ich das nicht. Der Kackegeruch kam von an den Wänden verschmierten Fäkalien, aber was das bedeuten sollte, keine Ahnung.  Nachdem die Leichenreinigung vor Ort war, roch es die nächsten Tage in meinem Zimmer nach aus Selters Mobil nach oben steigendem Chlor.
 
Scheinbar war das nicht der einzige Mord mit Organraub in letzter Zeit in Any County. Viele verschiedene Leichen, viele verschiedene Organe.  
 
0.3
 
Ich schaute mir Selters AVA:LON_Profil an. Ich hatte auch so eins; hab mir einen Avatar eingerichtet und meine eigene kleine virtuelle Insel – zur räumlichen Darstellung von Daten.  Selters Insel war voller verlassener Plattenbauten, was mich verwunderte, da ich die Option für mehrstöckige Gebäude nie im Editor gefunden hatte. Manche behandeln ihre Insel wie einen blog, andere nutzen sie als Rückzugsort, andere aber arbeiteten an ihr, wie an einem Kunstwerk und Selters gehörte definitiv zur letzteren Sorte. In jedem Raum der Platte waren Links zu Profilen von Usern, deren Onlinepräsenz noch da war, aber die sich umgebracht hatten, sodass ihre letzten Updates jeweils Abschiedsbriefe waren. Meistens relativ junge Personen, deren Eltern sie nicht akzeptieren wollten. Es waren hunderte Räume in pastellfarbener Solidarität; ich habe sie mir alle angesehen.
 
0.4
 
Aus dem kleinen Fenster über dem Herd starrte ich hinaus in die untergehende Sonne und das orangene Farbspiel auf den Scheiben des Trailerparks. Es war keine verschissene Wolke am Himmel. In der Ferne explodierte ein letzter Wohnwagen für den Tag und die brennenden Fragmente verteilten sich im Himmel. Eine gerahmte Fotografie durchschlug sogar mein Fenster. Es war ein lächelndes Mädchen in einem Kleid mit Erdbeermuster. Obwohl ich das Kind nicht kannte (und es vielleicht gerade explodiert war), hing ich mir ihr Bild an die Wand.
 
Am nächsten Tag war der Wasserfilter demoliert. Einige Bewohner erzählten mir, dass eine Gruppe von Menschen den Filter zerstörte, weil sie befürchteten, die Maschine steckte hinter dem Organraub. Die Wesen, die den Wassermonolithen hier her gebracht haben sollen, würden uns jetzt als Biomaterie abernten; nachts kriechen sie unter den Trailern herum und reißen unsere Bäuche auf.   
 Die Wasserrichtlinien sind streng, ohne den Filter wird Any County bald komplett ausgedörrt sein. Egal wer oder was die Organe haben möchte, sollte sich lieber beeilen... Mit etwas Glück überlebe ich mit meinen Wasservorräten noch drei Wochen. Klar könnte ich mich mit Leuten aus der Gemeinde zusammenschließen und einen Plan ausklügeln. Aber ich habe echt keine Lust mit irgendwem zu reden.  Ich erinnere mich an einen gemeinsamen Abend mit Selters. Wir tranken Tee in ihrem violetten Trailer und sahen etwas Fern zusammen, es lief eine Doku über die Verwendung von Fritteusen in verschiedenen Teilen der Welt. Ohne ein Wort zu sagen, saßen wir einfach neben einander, aßen und tranken. Stunden um Stunden. Tage. Es lag Staub auf meinen Knien.  
 
0.5
 
Als ich nachts schlafen ging, da sah ich sie im Halbschlaf: Lagerhallen. Ich sah, wo die Organe endeten. Ich sah ein Gebäude, grau in Mitten der Tundra, ein massiver Block, kilometerlang. Und in ihm weite, gläserne Regale, mit fein säuberlich aufgereihten Nieren, Herzen und Lungenflügeln. Alle mit exakt gleichem Abstand zueinander. Wer es war, der die Organe fein säuberlich ordnete, konnte ich nicht sehen. Aber irgendwo im Zentrum der Halle war ein gläserner Thron. Ich sah den Thron und ich sah eine masturbierende Person im Bademantel darauf sitzend, deren Gesicht ich hinter der verspiegelten Maske nicht erkannte. Und in der Spieglung sah ich zwischen den Regalen auch mich: Mein Bauch aufgeschlitzt – ich sah an mir herunter und befasste die herunterhängenden Darmteile. Und da erkannte ich es: diese riesige Halle, all die Toten und Organe – das alles war nur ein absoluter Mega-Fetisch. Die Person hechelte, starrte mich unter ihrer Maske an und ejakulierte vom Thron hernieder in meinen aufgerissenen Bauchraum.   Ich wachte verschwitzt und richtig feucht aus dem Traum. Geschockt von meiner eigenen Erregung machte ich mir einen Instandkakao und schaute aus dem Fenster auf den durch Fernseher blau erleuchteten Trailerpark. (Außer aus Selters Mobil, da kam rosa raus. (Und die Sterne, sie sind farblos über Any County.))  
 
0.33…
 
In meinem AVA:LON, da habe ich mir die schönsten Bäume hingestellt, die ich mir in der NichtPremium-Version holen konnte. Und ich habe mir ein kleines Häuschen eingerichtet; mit kleiner Veranda, mit karierten Vorhängen in den Fenstern. Und manchmal lege ich mich auf den Holzboden und höre mir das Kamingeknister an und schlafe

Mehr Bilder und Texte