Fixpoetry

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Text des Tages

Emily

Menschen wie Ihnen und mir ist bekannt, dass das Deutsche einen großen, opulenten, reichhaltigen, umfassenden, bunten, ausgedehnten, breitgefächerten, voluminösen, üppigen, ausführlichen, ergiebigen, detaillierten, gehaltvollen, umfänglichen und facettenreichen Wortschatz hat, es besitzt reichlich und massenhaft Wörter, Wörter en masse, in Hülle und Fülle, zum Abwinken, in großer Zahl, im Überfluss und wie Sand am Meer, sein Vokabular ist, muss man fast sagen, überbordend, erschöpfend, barock, massig, bombastisch, enzyklopädisch, verschwenderisch, unüberschaubar und erklecklich.

Für einen einzelnen Schriftsteller ist diese Fülle schwer zu beherrschen. Früher gab es Hilfsmittel wie das „Stilwörterbuch“, heute finden sich vereinzelt Synonymsammlungen im Internet, wie die von einem alten Freund gepflegte Website "ein-anderes-wort". Er hat für sein platzraubendes Projekt einen alten Bauernhof gekauft, aber Stall und Scheune sind schon hoffnungslos überfüllt, gesteckt, gerappelt, brechend und proppenvoll, sie platzen aus allen Nähten. Mittlerweile denkt er daran, das Projekt aufzugeben, da das Angebot bei jungen Nutzern auf immer weniger Interesse stoße. Die zweiten, dritten, vierten usw. Wörter würden vielfach nicht mehr verstanden, zum Teil schon als Belastung empfunden.

Seine kleine Tochter Emily, die inmitten der vielen Wörter aufgewachsen ist, bildet da eine Ausnahme. Neulich war sie einen halben Tag verschwunden und hat dann erzählt, sie habe mit ihrer Freundin im Heuschober das Wort „erklecklich“ gefunden und sich „barock an ihm ergötzt“.

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