Fixpoetry

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Text des Tages

Zeit der Pfirsichblüte

Praktisch die ganze Vorderwand des Hauses ist fürs Hereinlassen gebaut. Man könnte die Pfirsichblüte im Tal bewundern, aber wann kommt man dazu. Das Fenster im Erdgeschoß liegt kaum überm Gras und ist hoch. Wer sich von der Wiese mit leichtem Zehendruck auf den Sims wippt, der kann geraden Rückens und mit angelegten Armen nach innen kippen. Männer mit zu eng geknoteten Krawatten oder zu ehrgeizig gestärkten Vorhemden stolpern in Scharen vom Berg gegenüber ins Tal und klettern dann keuchend zu meinem Haus herauf. Sie wissen, dass ich drinnen warte, das Rasiermesser fest in der Hand. Sie zielen beim Kippen genau auf die Klinge, das müssen sie mir glauben, und befreien sich so von ihrer Eingeschnürtheit. Ein paar Blutstropfen dann und wann, aber keine ernsthaften Verletzungen. Während ich weiter das Rasiermesser halte - es könnte ja schon der nächste im Fenster stehen - rappeln sie sich auf und huschen nach hinten, wo es heller wird, wo die Wände wohl schon abgetragen wurden. Ich, der einsame Bewohner des Hauses, weiß davon am wenigsten. Zwei Stunden haben die Männer noch bis zum Pass.

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