Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

FRAU MIT HUMMEL

(Emily-Projekt)                                                                                           

Sie reckt sich aus dem Fenster
a picture of the sun
mit Bleistift (wie ihn gehalten?)
(wo geschrieben?) auf den Knien dichtend
barefoot
die Nase auf gleicher Höhe mit dem Gras?
nosing around
einem Schmetterling hinterher
Frage, Antwort
Frage

Frühling kommt wie ein Schuss
Eindringen der Blüten unter die Haut
sie schießt zurück
in the tongues of men or angels
Erde unter den Fingernägeln, Amsellachen, schläfrige Blumen
if you speak
Knospen weich wie Fohlenohren
and do not have love
dann wärest du –
 
II

(Wie viele Zeilen pro Tag, wie oft aufgesprungen?)
Ansteckung, Verwirrung, Piesacken, Beschäftigung
fliegende Blätter, Einkaufszettel, Abrisse von Einwickelpapier,
zusammengenäht zu Heften
eintausendsiebenhundertneunundachtzig Gedichte,
unveröffentlicht
man hatte ihr abgeraten
preisgekrönt dagegen ihr selbstgebackenes Ingwerbrot
den Kindern zugesteckt durchs Fenster
(Wie oft nach der Post gesehen?)
einen Hund zu Füßen, sechszehn Jahre lang ein
Freund
 
III

Kopf stößt an Himmel, loneliness,
ragt in ihn hinein, wo doch
normalerweise
eine schädeldicke Wand –
Himmel an Kopf: Vorsicht,
ich fall dir
sonst noch herunter!

Sie sieht den Aufprall kommen
die Zersplitterung –
mit dem Röntgenblick schaut sie
nach innen.
Und was blickt uns da an? Nur Knochen
und Linien. Und dazwischen das,
was fehlt.

Das –
wie heißt das noch mal
Transzendenz?
Das
jenseits der Rose beyond the rose
 
IV
Das einfach nur anschauen
Ameise auf Laufsteg,
Falter nippt an Flieder,
Schöpfung,
deine Revolte

Und die
Honigverkostung?
Wollen wir! Wollen wir!
Tag für Tag werden die Pflaumen blauer –
hinschaun, hinschaun!
Wir können‘s nicht glauben
was wir da vorfinden
im Garten Eden
Rufe wie „Pflück uns, pflück uns “
Sollen wir an die Feigen rangehn?
Ja! An Gottes Trauben? Ja!
An seine Äpfel?
Jein!
Jetzt komm schon, rauf auf den Baum
Biene steh uns bei und Hummel
o Brummel, o Bummel, o Bommel
o bumblebee
Sonne steigt zu Kopf
In Panik Dein

Wir ziehen uns an, uns aus
Vertreibung, Schlafplatz
du hast Ideen
wolln wir zuerst deine oder meine –
abgeschirmt vom Wind
Pappelsamen, flockige Nester
hinter meiner Stirn brennt’s
erlöse mich,
weil du’s kannst.
Ich hör dich, du gibst mir
ich saug dich ein,
klebriger Mund
Kleegebet   Erdrutsch   aufgerissene Knie
und die Kirschenausgießung, ja, ja!
Nein,
schreibt sie
Vollkommenheit, unerreichbar zu zweit,
legt eine gepresste Biene bei
so groß wie ein Fingerglied
umschlungen von Gras

Besser ist es, schreibt sie ihm,
alles zu verlieren, my Love, besser zu suchen
als gefunden zu werden
sie ist ihm so fremd wie eine Mango
iss mich, lies mich

Worte im Leopardensprung
Briefe nie abgeschickt
nie mit ihm in der Wüste, nie mit ihm im Durst
lies mich, trink mich

trank
trunken
 
V

Deine
mit Gedankenstrichen gespickten Zeilen
wie übersetz ich das
Tipp tapp tipp tapp tipp tapp, deutsches Versmaß
Standbein   Spielbein   Kratzfuß
hinterherhinkend
I lost a world the other day
wir brauchen einen Auftakt
has anybody found?
 
VI

Perfection, imperfection
Herz läuft heiß
der Bleistift, der Atem reicht nicht aus
Fluchtgefahr
kriechend   springend    fliegend
hiergeblieben!
blas auf den Knochen
blas aus den Knochen den Staub

 
VII

Und keine Nadel, keinen Zwirn
für den amerikanischen Bürgerkrieg
stattdessen
Grübchen
Zöpfe
Seufzen
Tau

 
VIII

Biene gewesen
Flügel gespreizt
Gott gesiezt
Hund geduzt
durch einen Türspalt
mit den Menschen geredet
 
IX

Das bleibt –
der Gedankenstrich
das Dazwischen
Lücke     Überbrückung     Flügelschlag

 

Erschienen in Poet 16, poetenladen, Leipzig 2014

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