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Text des Tages

hammerhai

just what is it that makes today’s
hammerheads
so different, so appealing?

nicht wissen wollen
wie es ist, ein hammer-
hai zu sein: what is it like
to be a snarky crackpot
sensationally sick
360 grad im blick
pausenlos pendeln
lorenzinische ampullen
melden impulse, sammeln
elektrische stimuli durch
poren am hammerkopf
in gelgefüllten kleinen kavernen
dahin sendet alles, was lebt und sich
dennoch nicht regt, signale
voll vergrabene stachelrochen
werden so aufgespürt
die stechen trotzdem derbe zurück
die hammermäuler stark perforiert
das wird wohl irgendwie für diesen
organismus sein, oder haben sie daran
einen zweifel? ich, nein
sie sind ja sonst einzelgänger, aber zur
paarung finden sie sich da ein, wo
viele sind, mein lieber herr gesangsverein
haie haben auch zungen, aber nur ganz
kurze lappen, kaum ausgebildet in stimme

Jeder Hai ist mit Lorenzinischen Ampullen, also Elektrorezeptoren, ausgestattet, kleinen Poren am Kopf, die das energetische Potenzial anderer, selbst unbewegter Organismen, auf große Entfernung registrieren können. Diese Kanäle sind mit einer gelartigen Substanz gefüllt, die Ionen an die Elektrorezeptoren an ihren Enden, kleine Kavernen, weiterleiten. Es liegt nahe, dass Haie sich mit ihnen indirekt auch am Magnetfeld der Erde orientieren. Ebenso scheint Temperaturwahrnehmung eng mit der Existenz der Lorenzinischen Ampullen verknüpft zu sein.

Thomas Nagel fragte 1974 danach: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? Und löste damit eine nichtendenwollende Debatte um das Qualiaphänomen in der Philosophie des Geistes aus: den subjektiven Erlebnisgehalt eigener mentaler Zustände, die durch wissenschaftliche Experimente zwar nachgewiesen, nicht aber nachempfunden werden können. Wenn zum Beispiel ein Organismus nicht selbst mit einem echolotenden Sinn ausgestattet ist, wie Fledermäuse etwa, wird er nicht nachempfinden können, wie es ist, dieser Organismus zu sein.

Es gibt keine offensichtliche Verbindung zwischen neuronalen Aktionen, ihrer Repräsentation und dem subjektiven Erleben. Wenn ich also wissen möchte, wie es ist, ein Hammerhai zu sein, müsste ich mit diesen Elektrorezeptoren ausgestattet sein und selbst dann wäre nicht garantiert, dass ich sein Erleben hätte: „Ich möchte wissen, wie es für eine Fledermaus ist, eine Fledermaus zu sein. Wenn ich mir jedoch dies nur vorzustellen versuche, bin ich auf die Ressourcen meines eigenen Bewusstseins eingeschränkt, und diese Ressourcen sind für das Vorhaben unzulänglich. ( ... ) Auf der anderen Seite ist es zweifelhaft, ob der Annahme, ich besäße die innere physiologische Konstitution einer Fledermaus, irgendeine Bedeutung gegeben werden kann. Selbst wenn ich schrittweise in eine Fledermaus verwandelt werden könnte, könnte ich mir in meiner gegenwärtigen Konstitution überhaupt nicht vorstellen, wie die Erlebnisse in einem solchen zukünftigen Stadium nach meiner Verwandlung beschaffen wären. Die besten Indizien würden von den Erlebnissen von Fledermäusen selbst kommen, wenn wir nur wüssten, wie sie beschaffen sind.“4

Richard Hamiltons kleine Collage mit dem Titel: Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing? wurde 1956 für den Katalog und das Plakat der Ausstellung This Is Tomorrow entworfen, die in London in der Whitechapel Art Gallery gezeigt wurde und als eine Art Gründungsmanifest der Pop-Art gilt. Sie zeigte die Arbeiten von Künstlerkollektiven verschiedener Disziplinen, die sich für die Ausstellung bildeten. In Kollektiven zu arbeiten war zu der Zeit im Kunstbereich eher ungewöhnlich und neu. Ihr Ausgangsthema drehte sich um das Wohnen und die menschlichen Sinne. Brian Ferry, der Hamiltons Student war, nahm den Titel der Ausstellung für einen seiner Songs:

“While history is tellin’ you
The same old thing
This is tomorrow callin’
Let’s stick a new oar in
This is tomorrow callin’
Come on in”

4
Thomas Nagel, Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? In: Grundkurs Philosophie des Geistes. Band 1: Phänomenales Bewusstsein, hrsg. von Thomas Metzinger, S. 66, Paderborn 2009.

 

Aus: Sabine Scho/Andreas Töpfer: The Origin of Senses, Museum für Naturkunde Berlin 2015.

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