Text des Tages

Auszug aus: Varjas Geschichte

Meine Freundin Varja kommt herein, streift meine Turnschuhe ab, lässt meine Tasche fallen und geht in die Küche.
Sag nichts, sagt sie.
Ich sage nichts, mache die Tür zu.
Sie geht in die Küche, setzt sich auf
einen Stuhl, streckt die Beine aus,
vergräbt die Hände in den Hosentaschen meiner Jogginghose. Ihr Blick ruht auf irgendwas, das nicht in diesem Zimmer ist. Ich lehne mich an die Wand.
Ich habs geschafft, sagt sie dann.
Sie holt ihr iPhone raus, drückt auf Play und legt es auf den Tisch.
Mach nicht so laut, Oma schläft, sage ich.
Sie mag Depeche Mode nicht?
Sie mag es nicht, geweckt zu werden.
Varja zuckt mit den Schultern, und vom Handy aus wogt Dave Gahans flehende Stimme durch den Raum. Hast du Wodka, fragt sie.
Ich gieße ihr ein Glas voll, stelle Gewürzgurken dazu.

Sie atmet aus, kippt das Glas in sich, beißt in eine Gurke, schüttelt sich. Merci vielmal, Goppeletti, sagt sie auf Schweizerdeutsch, was noch immer so drollig klingt wie vor zwei Tagen, es steht ihr. Sie zieht meine alte Trainingsjacke aus, die ihr auch gut steht. Dieser grün schimmernde Sportanzug mit den rosa Streifen, den ich als Belohnung für den zweiten Platz bei der regionalen Matheolympiade in der achten Klasse von Papa ge- schenkt bekommen habe, per Post. Keine Ahnung, wie er davon erfahren hatte, auf jeden Fall hatte er sich in der Größe verschätzt. Jacke und Hose waren mir einige Nummern zu groß, Mama schob sie in die hinteren Ecken des Schrankes wie Gift, ich holte sie trotzdem raus, zog die Jacke an und krempelte die zu langen Ärmel um. Mit Stolz hab ich sie getragen, Mama hat immer das Gesicht verzogen. Bis mich zwei vom Nachbarhaus, die älter waren als ich, angemacht haben, das sei eine Jungsjacke zum Raufen und Kämpfen, Mädchen sollten so was nicht tragen, oder ob ich vielleicht gar kein Mädchen sei, sondern goluboj, hellblau also, und ich solle die Jacke und sowieso alles ausziehen, damit ich zeigen könne, was ich für eine sei, und ich rannte weg, ich wollte nicht hellblau sein, was auch immer das bedeutete, außerdem war die Jacke ja eindeutig grün, und die Jungs folgten mir nicht, ich hörte nur ihr Lachen und Johlen, vor dem ich mich erschreckte, sodass ich schließlich die Jacke in die hintere Ecke des Schrankes schob. Nur auf unsere Datscha nahm ich sie und die Hose mit, wo es keine blöden Jungs gab, die Mädchen in Jungsklamotten auslachten, wo mich nur Mama missgelaunt anschaute, aber nicht, weil ich in dem Anzug hellblau aussah, sondern weil er von Papa war. Später hab ich dann kapiert, dass du einfach mitlachen musst, ganz egal, was du für Zeug  anhast,  aber  mit  vierzehn  kommst  du  da noch nicht drauf. Diese Jacke zieht Varja nun aus und lässt sich auf den Küchenboden fallen.

 Gopferdammi, sagt sie, und es klingt trocken, nur ein bisschen drollig, und auch keineswegs so, dass ich es ver- stehen müsste. Prostí, sagt sie zu sich selbst, beißt sich auf die Unterlippe. Ich sage nichts, stehe an der Wand. Aber hej, ruft sie dann zu laut und schnürt die Sporthose auf, ich bin durch, die ganze Hütte ist tipptopp und duftet nach Frühlingsbrise! Sie steht auf, steigt elegant aus der Hose und nimmt sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Sie hat Durst. Varja trinkt nur, wenn sie wirklich Durst hat. Jetzt steht sie halb nackt in meiner Küche und hat Durst, was für ein Auftritt. Einmal liefen wir abends von irgend- wo her kommend zum Panorama-Club, auf der Dekabrskych Sobytii hatte noch ein Laden geöffnet, Varja ging rein und holte Trinkbecher, zwei Liter Orangensaft und einen halben Liter Wodka, dazu Bier zum Nachspülen. Bevor wir in den Club gingen, machten wir bei den Springbrunnen Station, und Varja mixte Saft und Wodka. Ich hab so einen Durst heute, rief sie. Zuerst saßen wir auf den Bänken, dann stand sie plötzlich auf und hielt ihren Kopf ins Brunnenbecken, schließlich tanzten wir barfuß im knietiefen Wasser, bis ich ausrutschte, und dann lachten wir, weil wir so schön nass waren und ich mein erst wenige Stunden altes Handy soeben ersäuft hatte. Der Rest des Abends war dann irgendwie langweilig, weil die Jungs einfach nicht unser Niveau hatten und im Club mit uns nicht tanzen wollten oder konnten oder so.

Sei mal stolz auf mich, sagt sie, nachdem sie die halbe Flasche in einem Zug geleert hat.
Ich muss irgendwo noch ’ne Medaille rumliegen haben, die kann ich dir umhängen, sage ich und fixiere das kleine Tattoo auf ihrer Schulter. Ich könnte ihr auch ein Teilnahmezertifikat oder ein Diplom ausdrucken, aber ich will sie jetzt auch nicht lächerlich machen.
Du musst dich nicht über mich lustig machen, sagt sie, nimmt ihr Telefon und geht ins Bad.

 

Aus: Ziegel 15 ·  Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017 · herausgegeben von Jürgen Abel · Antje Flemming ·Wolfgang Schömel · Dölling und Galitz Verlag Juni 2017

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