Fixpoetry

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Text des Tages

Medea in einer Wohnung

Hier ist noch so ein Ufer voller Staub.
Verkommen in der 5. Etage.
Deine nackte Spitze fehlt.
Deine Arme.  
und mein Ausland fehlt.
Es fehlt schon wieder ein Ausland.
        
Komm zu mir.
Nur noch einmal.
Leg deine Flächen auf meine Wunden.
Deine Haut.
Sie fehlt.

Mein Europäer in Zeitnot. Wohin gehst du?
        
Wo ist jetzt dein Nichts? Dein Abgrund, so schwertlos und leer.

Und das Feuer brennt durch die Wunden.
Helles Licht, das uns auffrisst.
Und alles stirbt,
Mein Bruder. Er sinkt. Tiefer, immer tiefer. Vorbei an allen Schichten und Jahresringen. Tief unter dem verkommenen Ufer.
Verstümmelt? Verbrannt? Ertrunken?
So oft tot und wieder hochgespült.
Erschlagen. Nur weil man nicht hinschaut.
Aber wie kann man denn hinschauen in so ein Schlacht-Feld?
Und wir alle, die jetzt ein neues Ausland suchen.
Für uns beginnt eine Reise am Meeresgrund.

Und deine Söhne.
Sie leuchten wie zwei Sternen. Sie hängen.
Am Rande der Ewigkeit.

Für dich. Ich habe es für dich getan.
Für diese Flammen, die nichts anderes aushalten als unsere Nacktheit.
Unsere Mitte wie ein Schwert.
Stoß mich, komm Süßer, ja.

Du hast mich vom Tisch gestoßen und von allen Flächen, wo wir uns liebten.
Kein Stoff darf unseren Geruch behalten. Aber dieses Band. Dieser Saum in die Endlosigkeit. Dieser Saum, er ist schon zerfressen vom Gift. Auch in dein Zahnfleisch wird sie fließen, diese Traurigkeit. Wenn dein Mund sich öffnet und du stöhnst. Das unsichtbare Gift süßlich und tot.

Von dem Gift wollte ich ein Tuch flechten, endlos und glänzend, worauf sie sich legen können in dieser nassen Tiefe.
Mein Bruder...
Und die Kinder... Damit sie wieder hochkommen... All diese Toten... An die Schichten deiner Oberfläche.

Während du mit ihr...
Aber du bist abgesprungen. Mein Europäer hat sich aus dem Staub.
Oder? Warum bist du nicht verbrannt?

Sie hängen wieder in den Sternen. Die Kinder. In dieser elenden Ewigkeit.

Vielleicht im nächsten Ausland kann ich dich vergessen.
Aber wie soll das gehen?
Deine Nacktheit. Sie fehlt. Abgerissene Wände. Durch die ich falle in meiner Schlaflosigkeit. Und wie auch die Kinder, sinkt alles auf den Meeresgrund. Vollgesogen und tot.

Dann der Traum von einem ungeheuren Beischlaf.
NIMM MICH. NIMM MICH. NIMM MICH.

Nur meine Ledertasche.
Sonst habe ich nichts.
Nur meine Ledertasche.
Und meine Tränen in der Waschmaschine.

Über das Laufband könnt ihr seine Sprache sehen.
Sie läuft.
Immer wieder.
Durch meine Augen.

Warum kann ich ihn nicht sehen?

Aber ich höre seine Stimme. Immer höre ich Jasons Stimme.
Sie redet. Diese vollgesogene Sprache, die direkt in meine Seele fällt.
Seine Stimme.
Für immer.

Die Gespenster eurer Jugend werden im Abgrund kleben.
Im Abgrund der Vergesslichkeit.

Kein Tier wird mir folgen.
Mein Sprung wird so lautlos sein.
Und leer.

Bringt mir einen Spiegel, in den ich hineinsehen kann.
Auf unseren Horizont will ich schauen.
Auf unsere geliebten Flächen.

Ich möchte DICH sehen und nicht meine Traurigkeit.
Bringt mir einen anderen Spiegel. Das ist nicht Medea.
Einen Spiegel ohne diese Flecken der Abwesenheit.

Was unsere Wohnung war, wird nun mein Ausland.
Und die Etagen werden zu einem traurigen Schlachtfeld.
Auf dem die Liebe wegrollt, gefährlich langsam und so unfassbar reibungslos.

Wie erschreckend.
Ein Laufrad des Nichts.
Ich will diese neue Sprache nicht betreten, Jason.
Denn hier fehlen mein Blut und dein Lächeln.

Auf meiner Haut klebt nur mein eigener Schweiß.

Sie spreizt sich.
Und ich sterbe.
Mein Jason.
Alles, was wir waren, wird tot sein.
In meiner eigenen Wüste werde ich dich suchen.
Und erinnern werde ich mich, ohne Ende, an diesen Wald von Messern, der sich ihr ins Fleisch bohrt.

Immer wieder werden eure Schlagzeilen durch meine Seele laufen.
Und ich werde Ohren haben für ihren Schrei.

Ja, jetzt schreit sie.
Ja, sie schreit.
Sie schreit.
Sie schreit noch.

Ich muss noch tote Pflanzen in eure Löcher werfen.
Wie leer sie sind. Eure Löcher.
Und auch die Pflanzen.

Stellt euch bloß nicht tot.
Ich weiß, wie etwas aufhört.

Jetzt ist alles still.

Wann hat es angefangen?
Was warst du vor mir, Weib?
Fragtest du.
Medea.
Medea.
Medea.
Und jetzt?

Urbanes Schweigen nach eurem Tod.

 

Still: Andrea Schmidt

***
Veranstaltungshinweis: AutorenZimmer, SchauSpielHaus Hamburg, 11.12.2019 20 Uhr Rangfoyer mit Anna Hetzer, Sasha Rau und Andrea Schmidt.  Weitere Informationen

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