Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Bitten an Karl

DAS MÄDCHEN hat sich durch das Silo gekämpft, ist KARL in den Wald gefolgt.
Im Moos ein geschossener Fuchs. Er hält die Augen geschlossen.

KARL
Manche der Füchse, die mein Vater, hatten die Augen geschlossen. Andere lagen da mit  
offenen Augen. Als Kind, ich hab mich immer gefragt, ob das eine Frage des Temperaments. Der Furchtlose reißt im Schreck die Augen auf, der Ängstliche träumt sich mit geschlossenen
Augen an einen anderen Ort, während es ihm die Pfoten unter dem Leib weg-

DAS MÄDCHEN
Hast du sie berührt,
am Morgen vor der Haustür?
Hast du sie berührt,
um zu spüren, ob das Fell noch warm?

KARL
Ich bin aufgewacht, jede Nacht um fünf, wenn mein Vater nach Hause und sich das Gesicht im Badezimmer nebenan, sich den Tod aus dem Gesicht spülte. Ich lag da und ich hörte den Tod vor unserer Türe atmen, und es trieb mich auf, die Füchse schauen.

DAS MÄDCHEN
Hast du sie berührt?

KARL
Die Hände tief hinein.

DAS MÄDCHEN
Warst du dabei manchmal,
mit deinem Vater in der Nacht?

KARL
Der Tod liegt in der Luft bevor die Kugel trifft.
Seidenweich das Fell.
Du kannst deine Hand tief hinein,
es muss ein Luxus sein in Pelz gehüllt-
Davon träumen wir, was?
In einen Pelz gehüllt durch die Stadt flanieren.

DAS MÄDCHEN
Gehst du raus mit mir, Karl?         
In die Stadt?

KARL
Ich schieß dir einen Fuchs, Elise.
Du kannst dein Gesicht ins Fell drücken.
Einmal am Morgen als ich besonders früh auf-
Die Füchse dünsteten ihre Wärme in die kalte Luft,
ich konnte nicht anders,
nicht widerstehen.
Ich hab mein ganzes Gesicht in das Fell des Fuchses.
Seidenweich, Elise.

DAS MÄDCHEN
Wir müssen raus, Karl. In die Stadt.
Siehst du nicht?

Von Weitem ist ein Einschlag zu hören, irgendwo ein stummer Schrei. Vorsichtig betastet das Mädchen das Fell. Für einen Moment sieht es aus, als wolle sie ihr Gesicht in das Fell des Fuchses drücken.

Dramenauszug: Bitten an Karl

Mehr Bilder und Texte