Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Tage

(Max Sessner)

Wo sind die Tage hin gibt es sie noch
irgendwo den Hochzeitstag all die
Geburtstage einen Friedhof für Tage
kann es nicht geben und wer sollte
dort auch die Gräber pflegen niemand

könnte je damit fertig werden Blumen
auf ein jedes zu pflanzen aber ich
habe gehört dass sie als kleine Häuser
in einer Vorstadt stehen dicht aneinander
die Straßen schlecht beleuchtet wie in

einem alten amerikanischen Film jemand
den der Zufall dorthin verschlug erzählte
die Türen waren nur angelehnt und
alle Häuser sahen gleich aus von außen
sodass man leicht die Orientierung

verlor auch gab es keine Geschäfte
nichts wo man ein bisschen plaudern
konnte so fuhr er mit Schrittgeschwindigkeit
immer weiter ließ das Radio laufen bis
ihm das Benzin allmählich knapp wurde

er hätte gern seinen zehnten Geburtstag
noch einmal erlebt von allen Tagen
konnte er sich an diesen am besten
erinnern aber wo sollte er suchen also
drehte er um dachte an diesen Tag vor

fünfundvierzig Jahren an seine Mutter
die dort  womöglich immer noch stand
und bis in alle Ewigkeit den einen Satz
immer und immer wiederholen musste
Jetzt blas doch endlich die Kerzen aus

AUS: Langsame Männer, einmaligen Auflage von 70 arabisch und 10 römisch numerierten Exemplaren. Den 10 Exemplaren der Vorzugsausgabe liegt ein Original-Holzschnitt von Heike Küster bei, von der Künstlerin signiert.
Stadtlichter Presse 2015

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