Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Erzähle mir von Deinem Vater

mein vater – ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

ich fange an. wir standen zwischen geschlossenen geschäften in der enge eines häuserspalts in hemd und krawatte und der knoten um meinen hals war ein einfacher windsor; mein vater zeigte mir, wie er gebunden wird, sechs schritte, sagte er vor dem spiegel, in dem ich seinen rücken und seinen hinterkopf vor der hälfte meines gesichts sah, es sind sechs schritte, behalte sie, und ich behielt sie. wir stellten unsere umhängetaschen auf dem boden ab. er reichte mir eine zigarette. bartholomäus war zwölf jahre älter als ich und in meinem alter war er bereits getauft. jeden freitag besuchte er uns, sechzehn uhr fünfundfünfzig parkte sein auto auf der straße davor, und auf dem kiefernen esstisch, den wie die anderen gegenstände unser vater auch im sperrmüll gefunden hatte, lasen wir die bibel, wir lasen auf mit weichem strohgeflecht bezogenen stühlen, die löchrig waren, an einigen stellen. sein vater gehörte zu den ältesten in unserer heimatversammlung. in den zusammenkünften, so werden die gottesdienste bei den zeugen jehovas genannt, so heißen sie, wurde dreimal gesungen, am anfang, in der mitte und zum ende. zwischen zeige- und mittelfinger musst du sie halten. es gab versammlungen wie die tamilische zweiundachtzig kilometer entfernt, wir fuhren zu ihr, entlang gerader und gebogener schutzplanken, und hinter ihnen lagen über den felshängen netze zum schutz vor geröll; kein gelber engel streifte uns; manchmal wurden wir von unserer mutter begleitet; sie – früher habe ich konversation und konversion, apotheke und apokalypse, das apostroph und den apostel verwechselt, und es dauerte, bis ich den abgewandten vom abgesandten unterscheiden konnte, mit sicherheit; es dauerte – konvertierte nicht; sie sagte, ihre familie seien hindus, und sie sagte es nicht auf deutsch. wenn sie von brahman sprach, hörte ich abraham. es gab einige versammlungen wie die tamilische, die jeden zweiten samstag im monat stattfand und in der, anders als in unserer, keine brüder und schwestern königreichslieder mit ihren instrumenten spielten und in der ein grauer kassettenrekorder vorne stand, neben dem pult; nachdem wir das geräusch der taste, dieses klacken, gehört hatten, öffneten wir unsere münder. zünde sie an. nimm tiefe züge. bartholomäus spielte gitarre, vorne. nach dem bibelstudium aßen wir beide zusammen mit meinen brüdern zu abend; unsere eltern sagten, und sie sagen es immer noch, gelegentlich, wenn wir auf ihn zu sprechen kommen, er sei wie ein sohn, er sei ein sohn für sie gewesen; er zeigte mir griffe, bis in die hornhaut zeigte er mir griffe tief. du musst den rauch durch deine lunge ziehen. lass dir zeit. wir haben zeit. wir haben keine zeit mehr.

sein name verriet ihn. wenn brüder und schwestern einen biblischen namen tragen, einen ungewohnten wie seinen, anders als die unserer freunde, die matthias und lukas und philipp und jonas hießen, heißt es, dass sie nicht nur, wie wir, in der wahrheit aufgewachsen, sondern auch in sie hineingeboren seien; an ihren namen konnte man es ablesen; ihr name sagte es. atme aus, jetzt, langsam; langsamer. so ist es richtig. er zitierte, er zitierte, verse und immer zu, und ich verstand nicht, noch nicht, dass das zitieren als ein zeichen der standfestigkeit im glauben betrachtet wurde, und als ich zu verstehen begann, war es bereits zu spät. ich begann zu lesen. ich las. ich las, bis in den morgen, lange. asch ab. als ich meine bibel das letzte mal gesehen habe, strich ich über dünnere seiten, über die verstreuten einritzungen meines daumens, über die markierungen neben der zahl; diese stellen konnte ich auswendig. er saß mir gegenüber am kiefernen esstisch und sprach über erster mose kapitel drei vers neunzehn, bis du zurückkehrst zur erde, denn von ihr bist du genommen. er zeigte mir seine handflächen. er hielt sie in die höhe und begann sie aneinanderzureiben, und die epidermisschuppen auf ihnen waren klein und eher schwärzlich; sie erinnerten mich an das, was nach dem radieren übrig bleibt, dunkel, dunkler nur. ich sei erde und zu erde solle ich werden. wir standen nach dem predigtdienst in einem häuserspalt, und als der filter fast erreicht war, sagte er, schrift sei gift, behalte diesen satz, und ich behielt ihn. den rest kannst du wegwerfen.

sein vater las mit meinem samstags die bibel, auf englisch, nachdem wir in das vierte asylbewerberheim gezogen waren, und später auch in der sozialwohnung, am esstisch und auf mit strohgeflecht bezogenen stühlen. das abendmahl findet jedes jahr am vierzehnten nisan nach sonnenuntergang statt. denn ich habe euch zuerst überliefert, was ich empfangen habe: dass christus gestorben sei für unsere sünden nach der schrift. ich saß in der ersten reihe neben meinen brüdern und bartholomäus, mein vater, wie immer, zwei reihen hinter uns neben seinem, und, als brot und wein durch die reihen gereicht wurden, sagte er, nur die einhundertvierundvierzigtausend, eine gruppe von berufenen, die nach harmagedon und ihrer auferstehung mit jesus im himmel über die erde regieren werden, geistgesalbt seien sie, hieß es, dürfen von ihnen nehmen. denn ich habe vom herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: jesus, der herr, nahm in der nacht, in der er verraten und ausgeliefert wurde, brot, sprach das dankgebet, brach es und sagte, das ist mein leib, der für euch ist. dies tut zu meinem gedächtnis. er nahm den kelch und sprach, dieser kelch ist der neue bund in meinem blut, dies tut, sooft ihr trinkt, zu meinem gedächtnis. denn sooft ihr von diesem brot esst und aus dem kelch trinkt, verkündigt ihr den tod des herrn, bis er kommt. der tod christi ist der tod dieses todes selbst, die negation der negation. ich wartete. ich wartete auf ein zeichen, auf eine stimme, die aus einem brennenden busch zur mir sprechen würde, im wald, am straßenrand, vielleicht, das dachte ich, gehöre auch ich zu ihnen, aber ich kannte nur bilder brennender palmen aus dem fernseher, und auch sie waren und blieben stumm; die stimmen waren nicht die gottes und vielleicht, und vielleicht hatte von anfang an vater meine sprache schon verlassen. wer unwürdig von dem brot isst und aus dem kelch trinkt, macht sich schuldig am leib und am blut des herrn. gedächtnismahl, so wird die eucharistie von zeugen jehovas genannt, und ich vergaß immer das letzte h zu schreiben. ich erinnere mich.

 ich muss anders anfangen.

ich fange an. meine erste erinnerung an ihn: wir saßen auf einem sofa mit dunkelgrünem stickmuster, eine glasvitrine stand gegenüber und dazwischen vielleicht ein tisch; wir saßen im wohnzimmer. die wandfarbe im korridor des vierten asylbewerberheims war blau; wir warteten. der fernseher lief, wir sahen fern später und lange, als wir etwas älter waren, familienduell, mini playback show, disney club, die schlümpfe, saber rider, he-man, odysseus einunddreißig, turtles, ducktales, tom und jerry, bravestarr, gummibären, wir sahen fern, lange; unsere mutter sagte, so würden wir die sprache erlernen; wenn wir die worte der anderen, wenn wir fremde wörter für die eigenen halten. ich weiß nicht, wer ihr das hörbuch gab. sie sagt auch heute, immer noch, dass wir nur aßen, wenn sie die cap und capper kassette eingelegt hat, und sobald wir das geräusch der taste, die das fach öffnete, hörten, und sobald wir dieses klacken hörten, öffneten wir unsere münder. wenn unsere mutter tamilisch kocht, essen unsere eltern mit den händen und wir mit besteck. später lieh mein bruder sich aus der stadtbibliothek die drei fragezeichen aus, und wir nannten uns justus, peter und bob. sie kann immer noch die stimmen von cap und capper imitieren; wir saßen im wohnzimmer. meine mutter könnte gesagt haben, dass wir geduldig sein sollten, euer vater kann jede sekunde zurück sein, das vielleicht hatte sie gesagt; sie könnte es nicht auf deutsch gesagt haben. hat sie es gesagt? sie könnte es nicht auf deutsch gesagt haben, aber ich erinnere mich, als hätte sie es; ich erinnere mich nur auf deutsch. hat sie es gesagt? hat sie etwas gesagt? erinnere ich mich? wenn wir eine sprache vergessen, verlieren und vergessen wir auch das, was wir in ihr erfahren haben? haben wir etwas in ihr erfahren? können wir etwas verlieren, das wir nicht besitzen? erinnere ich mich? ich erinnere mich an meinen vater, so, als hätte ich ihn das erste mal gesehen. wir sollten geduldig sein. unser vater hatte die hornbrille getragen, die er auch auf den bildern aus dieser zeit trägt, und er trägt einen blauen müllsack über seiner schulter. er sagte, wir sollten zu ihm kommen und wir kamen zu ihm. er küsste uns auf die stirn, so, wie er es immer tat, wenn er uns zu bett brachte, damals, so wie anfang dezember auch, als ich das letzte mal zu besuch war; er dachte, ich würde schlafen. später, in drei oder vier jahren, würden wir in der sozialwohnung auf einem sofa sitzen und die chipmunks schauen, und unser älterer bruder würde sagen, sie sähen aus wie wir; in drei oder vier jahren würden wir sagen, er heißt simon, ich alvin und theodore heißt unser jüngster. unsere eltern schliefen auf dem sofa und wir zu dritt in ihrem bett. mein vater saß an der kante und sang, leise, leise ohne stimme, fast, und ich kann nicht sagen, ob es ein altes tamilisches kinderlied war, das ihm vielleicht seine mutter oder sein vater vorgesungen hatte, oder eine, seine erfindung, und vielleicht sagt das auch der name, den wir empfangen haben von ihnen an einem anderen ort und in einer anderen zeit, dass wir eine, seine erfindung sind, und vielleicht sagt er es jedes mal erneut. ich weiß, ich komme nicht weiter. ich würde mich in details verlieren. an ihnen würde ich mich aufhalten; in ihnen halten wir uns auf.

ich fange an. meine erste erinnerung an meinen vater: wir saßen um ihn herum auf dem beigen teppich mit dem dunkelbraunen muster und ich erinnere mich an das geräusch der spielfiguren, als er den müllsack vor uns leerte, ich glaube mich daran erinnern zu können. er war durch die ganze stadt gelaufen und über stunden hatte er gesucht, er hatte gesucht, abends. wir wussten nichts davon. wir wussten noch nichts davon. was wissen wir schon davon. wir werden nichts davon gewusst haben. unsere eltern schauten zu. mein älterer bruder fuhr mit einem roten matchbox auto über den boden, immer in derselben richtung, im kreis, im uhrzeigersinn, und ich hielt einen dinosaurier in meiner hand, einen triceratops, es könnte ein triceratops gewesen sein, dessen oberfläche rau war und noch feucht. keine figur hielt unser vater in die höhe, und auch ihren namen kannte er nicht. seine ärmel waren nass und es war dunkel am fenster hinter gardinen. ich habe noch nicht angefangen. sperrmüll lag auf den straßen seit tagen. im korridor erschien er mir; dort ist er mir zum ersten mal erschienen.

ich fange an. das tamilische namensrecht: der vorname des vaters wird der nachname der kinder sein. sie tragen den namen des vaters, aber er trägt einen, den eines anderen. hier, in deutschland, endet diese linie. wenn wir kinder haben sollten, werden sie nicht meinen vor-, sondern den unseres vaters als nachnamen erhalten. mit uns endet dieses gesetz. wir sind das ende. unsere großmutter wird appama genannt. ich kenne sie von einem foto, dem einzigen, und einer alten rotstichigen videoaufnahme; sie stand vor ihrem haus, vor der offenen tür neben meinem großvater, appapa hätten wir zu ihm gesagt, seitlich, und weiße linien lagen über ihnen auf dem bildschirm, die sich bewegten, weiß auf der groben körnung schmaler körper; sie bewegten sich nicht. es gibt namen, an denen man die kaste des trägers ablesen kann; unserer gehört nicht zu ihnen. als ich hier in berlin zu studieren anfing, habe ich ein oder zwei monate sanskrit gelernt. die veden, eine sammlung heiliger hinduistischer texte, ist in ihr, in devanagari, in ihrer schrift überliefert worden; devanagari kann als schrift aus der stadt der götter übersetzt werden. ihre buchstaben kannte ich bereits, ich war es gewohnt, sie in filmen zu sehen, auch hindi wird in ihr geschrieben; erst als ich sie zu schreiben begann, fiel mir auf, dass sie wie schlangen aussahen, die, allein oder mit anderen, von decken hängen, in verschiedener form. wenn wir früher sprachen lernten, saßen wir am küchentisch neben unserer mutter oder unserem vater, und sie oder er legte ein weißes papier auf die seite, auf der die lateinischen und französischen vokabeln standen, und mit jedem wort, das wir behalten konnten, zogen sie es ein stück weiter nach unten; als ich altgriechisch und sanskrit lernte, legte ich ein weißes papier auf eine seite, und mit jedem wort, das ich behalten konnte, zog ich es ein stück weiter nach unten. als meine großmutter ein kind war, soll sie vor dem haus ihrer eltern in der hocke mit kobras gesprochen haben, bevor sie stöcke und steine nahm, um sie zu töten. mein vater sagt, dass sei der grund für ihre ersten vier totgeburten gewesen, und auch er wurde am anfang für eine totgeburt gehalten. niemand weiß, wann er, seine beiden brüder und seine schwester geboren wurden, niemand wusste es, und das geburtsdatum wird mit dem ausstellungsdatum ihrer geburtsurkunden identisch gewesen sein. auf unserem dritten kongress habe ich gesehen, wie er getauft wurde, ich sah es mit meinen eigenen augen. ich weiß nicht, ob es einen etymologischen zusammenhang gibt, im altgriechischkurs verwechselte ich eine zeit, eine lange zeit lang phoné mit phónos, stimme mit mord, obwohl nicht nur das omega und die position des akuts, des akzents, sie voneinander unterscheiden, ich weiß nicht, ob es einen zusammenhang gibt, der devanagari, der die schrift mit der schlange über die ablenkung einer alliteration hinaus verbindet. schlangen gelten im hinduismus als heilig. die schlangengottheiten heißen naga. sie stehen in ihrer mitte. sie halten sie zusammen.

ich fange an. neunzehnhundertsiebenundneunzig, es könnte neunzehnhundertsiebenundneunzig gewesen sein, als mein vater das letzte mal in sri lanka war. sein ältester bruder entzündete das feuer während der beerdigung unseres großvaters, und er war es, der den leichnam seiner mutter verbrannte; sein anderer bruder, der an der reihe gewesen wäre, war verschwunden zu dieser zeit; jeden tag betete ich in diesen zwei wochen, in denen er zurück war, in jaffna, in seiner und meiner geburtstadt, jeden tag bat ich jehova, dass er wieder zurückkommen möge; ich habe ihn in meine gebete eingeschlossen. er hat mir nur ein foto von der beerdigung gezeigt. mein vater trägt weiß; weiß sei die farbe der trauer. er hat sie seit seiner flucht nicht wiedergesehen. in dieses land konnten unsere eltern nicht zurück; sie wichen auf indien aus. wir verbrachten sommerferien, sechs wochen ohne unterbrechung, in chennai über mumbai, das bombay kurz zuvor noch geheißen hatte, meine brüder und ich in videospielarkaden und im pool, auf der straße bewarfen wir geckos mit steinen und im hotelzimmer schauten wir akte x, das erste mal in dem jahr, als die stadt und städte unbenannt wurden; chennai liegt im bundesstaat tamil nadu, an der ostküste südindiens; tamil nadu kann als land der tamilischen sprache und als tamilisches land übersetzt werden; tamil ist amtssprache. als der krieg im mai zweitausendneun endete, warteten mein vater und ich im auto vor dem tempel in nürnberg, wo meine mutter und mein jüngerer bruder beteten, und er sagte, bevor er den sitz zurückstellte und sich schlafen legte, wie könne jemand jetzt noch an jehova glauben. wir trafen meine tante und meine cousine, die einzigen nahen verwandten mütterlicherseits, die damals noch in sri lanka, in colombo allerdings, wohnten. zweitausend, nachdem auch sie geflohen waren, gab es keinen grund mehr, nach indien zu gehen. mein vater lag in unserem hotelzimmer im bett und schlief, und ich lag neben ihm und spielte – ich muss noch einmal von vorne anfangen. wenn ich mich damals, in der zeit, als ich zu schreiben anfing, verschrieben hatte, begann ich entweder auf einer neuen seite von vorne, oder ich verbog mit einer schere die klammern und trennte die bögen mit meinen fehlern vorsichtig heraus. wir haben noch nicht zu schreiben begonnen. wer mich gesehen hat, hat meinen vater gesehen. ich muss noch einmal von vorne anfangen.

ich fange an: mein vater sagte einmal, ich kann dir nicht sagen, wann und wo, mein vater sagte, dass er in unserem hotelzimmer lag und schlief, und ich lag neben ihm und spielte auf dem gameboy, als meine cousine hereingekommen sei und gefragt haben soll, ob ich nicht auch mit ihr und den anderen an den strand gehen wolle. ich sagte, mein vater sagte, dass ich sagte, dass ich gesagt haben soll, dass ich hier, dass ich hier bei ihm bleibe, er wäre sonst allein; ich hatte gedacht, er würde schlafen.

ich fange nicht an. ich bin das alpha und das omega, der anfang und das ende. genannt wurden wir zeugen jehovas und selbst nannten wir uns jehovas zeugen. so hießen wir. und er spricht: schreibe. denn diese worte sind gewiss und wahrhaftig. seid geduldig, euer vater wird jede sekunde zurück sein. ich warte. ich, ich bin der herr, und außer mir gibt es keinen retter. vor mir wurde kein gott gebildet, und nach mir wird keiner sein. ihr seid meine zeugen. wir waren seine zeugen. ich besuchte den katholischen religionsunterricht, von der grundschule bis in die mittelstufe, bis ethik als fach eingerichtet wurde, parallel, zur selben stunde, für konfessionslose und für schüler ohne bekenntnis, wie es hieß, und sie redeten von einem gott, den sie nur gott nannten; ich aber kannte seinen wahren namen. in der schule und vor unseren freunden habe ich ihn nie gesagt. wenn ich nach meiner religion gefragt wurde, sagte ich, wir seien hindus. ich hatte kein bekenntnis. ich habe kein bekenntnis. ich habe ihn verraten. die isrealiten durften seinen namen nicht aussprechen, und auch heute wird im judentum adonai, meine herren, und haschem, der name, gesagt, an seiner stelle. im hebräischen wurden nur konsonanten geschrieben. die ursprünglichen vokale und ihr laut sind seit langem vergessen. wir wissen nicht mehr, wie JHWH ausgesprochen wurde und wie sein name, der name der namen, der name vor und nach jedem namen, ausgesprochen werden soll. ich bekannte mich nicht. wir müssen geduldig sein. in dieser nacht, ehe der hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben. wir müssen geduldig sein. ich bin der herr, dein gott, der dich aus dem land herausgeführt hat. du sollst keine anderen götter haben neben mir. es gibt keine sprache außerhalb dieses namens; sein name ist in ihr, weil er sie überschreitet. er ist das, worüber hinaus nichts größeres gedacht werden kann. immer wenn wir im auto saßen und zum frankfurter flughafen fuhren, senkte unser vater vor der fahrt den kopf und begann zu beten. bevor er den motor startete, streckte er seine hand nach hinten zu uns aus, und wir saßen auf der rückbank und legten unsere auf sie, so, wie wir es vor längeren fahrten getan haben. ich stand auf den stufen der wendeltreppe und er stand vor mir und band sich meine krawatte um den hals. wenn du älter bist, werde ich dir zeigen, wie man sie bindet. es sind sechs schritte. du wirst sie behalten. ich erinnere mich. ich habe noch nicht angefangen, aber dich habe ich verlassen.

 

(Auszug aus dem Roman Vor der Zunahme der Zeichen, S. Fischer 2016)

Veranstaltungshinweis

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In der deutschsprachigen Literatur äußert sich derzeit ein neues Bewusstsein für Schreibweisen, die Aspekte des Sprechens sowie des Szenischen fokussieren. Gleichzeitig finden Texte in der Performancekunst eine größere Beachtung. KOOK.MONO. schrift spricht möchte dieser Beschäftigung mit den Dimensionen des Mündlichen und der Darstellbarkeit von literarischen Texten, im Besonderen Langgedichten, Raum geben, sie reflektieren und vertiefen. Lyriker*innen und Künstler*innen verschiedener Generationen und Hintergründe sind eingeladen, Texte und Performances zu entwickeln und zu zeigen, die mit der Oralität lyrischer Formen für die Gegenwart neu umgehen. Bei den anschließenden Paneldiskussionen werden Fragen zur Form, Entstehung und Ausgestaltung der Gedichte/Stücke, zu ästhetischen Positionen sowie zu den gewählten Themen miteinander wie mit dem Publikum ins Gespräch gebracht.

Am 26.9. präsentieren Christiane Heidrich, Hieu Hoang/Senthuran Varatharajah, Rike Scheffler und Max Wallenhorst ihre Arbeiten. Das anschließende Gespräch moderiert Daniela Seel. ausland berlin, Lychener Str. 60 in 10437 Berlin.

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