Text des Tages

AUTOR (ALS PRODUZENT, DER)

Die Zeit erfordert keinen Geist von uns, Genossen
des Instituts zum Studium des Faschismus:
Sie erfordert von uns die Einstellung der Blende.
Ich bringe euch deshalb ein konkretes Beispiel
(heute sind die konkreten Beispiele russisch!)
des literarisch und politisch korrekten
Werks. Nehmt etwa Sergei Tretjakow.
Wie schreibt der Genosse Tretjakow?
Er geht zu den Sitzungen der Kolchos-Direktion,
sammelt Gelder für die Anzahlung auf Traktoren,
fragt hier und dort, um herauszufinden,
was die besten Zügel und Zündkerzen sind,
erklärt die Thesen von Jakowlew und beruhigt gerade
die Mütter, die sich in der Krippe streiten,
er besorgt auch die Pferde für die Reise der Lehrer,
inspiziert die Lesesäle und schickt
drei, zehn oder so viele Briefe wie nötig,
um die Einführung des Wanderkinos zu fordern;
er dokumentiert minutiös Aussaat und Ernte
klack klack mit seinem Fotoapparat überall.
Ja, er schreibt auch und veröffentlicht Berichte
über das, was er macht, in Moskauer Zeitungen
und ist Redakteur der Kolchos-Zeitung, in der steht,
wie man den Ackerboden vorbereitet und welche
Aktivitäten für den Jahrestag der Revolution geplant sind.
Wie bitte? Ich hab nicht recht verstanden. Was das Ganze
mit Literatur zu tun hat? Ach, die Literatur …
Aber Genossen, ihr seid in der Lage zu verstehen,
dass die Welt sich ändern kann, mehr noch: Ihr kämpft
Tag für Tag dafür, dass sie sich tatsächlich ändert,
und verlangt eine Literatur, die immer gleich bleibt?

 

(© Sergio Raimondi: Aus: Para un diccionario crítico de la lengua (unpublished). Aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Timo Berger)

 

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poesiefestival berlin

Gedicht von Lyrikline.orgSergio Raimondi hält am 16.6. die Berliner Rede zur Poesie 2019 beim 20. poesiefestival berlin.

BERLINER REDE ZUR POESIE 2019: SERGIO RAIMONDI
PROBLEME BEIM SCHREIBEN EINER ODE AN DEN PAZIFISCHEN OZEAN

Kl. Parkett, Akademie der Künste am Hanseatenweg | SO 16.6. | 19.30 | 6/4 €

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