Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Dantes Diät

Die Diätetik müsste sich fragen, wie ein Dichter,
dessen ganze Ernährung auf Eiern beruht
(der Legende nach mit einer Prise Salz),
während so langer Zeit derart viele fein austarierte
Verse produzieren kann. Die geschlossene Struktur
des Werks mag ihm zweifellos ein Ansporn sein:
Es geht nicht darum, sich dem Nichts zu nähern (oder
doch, nur ist dieses Nichts darin genauso angelegt).
Vielleicht müsste man das Verhältnis zwischen
dem Energiegehalt und dem Volumen mitbedenken,
das diesem Nahrungsmittel, wenn man es mit Fleisch
vergleicht, einen Vorteil verschafft. Die Wissbegierigen
müssten sich also scheinbar abwegigen Fragen stellen
und sich eine Zeit lang der Analyse der Verse widmen,
um den Schub zu erkennen, den jede Terzine
gemäß dem Stufenaufbau einer Rakete erzeugt
und auf die folgende abfeuert, worauf einst ein Russe
aufmerksam machte; das nur zur Anregung,
denn ein Ei, das ist hinlänglich bekannt,
enthält den Keim eines neuen Lebewesens und
die Stoffe, von denen es sich ernährt. Allerdings sind
die meisten dieser Wesen für gewöhnlich Vögel.
 
(Übersetzung: Timo Berger)

 
*

La dieta de Dante

La dietética debería preguntarse cómo un poeta
que basaba toda su alimentación en el huevo
(con una pizca de sal, según cuenta la fábula)
produjo tal cantidad de versos en forma regular
durante un tiempo considerable. La estructura
cerrada de la obra sin dudas fue un aliciente:
no se trataba de avanzar hacia la nada (o si,
pero en todo caso la nada también había sido
prevista). Tal vez habría que tener en cuenta
la relación entre contenido energético y volumen
que favorece a este alimento si se lo compara,
per ejemplo, con la carne. En fin, los estudiosos
deberían entrar en cuestiones al parecer ajenas
y dedicarse por un tiempo al análisis de los versos
para corroborar, come un ruso señaló alguna vez,.
el impulso con el que cada terceto presupone
y dispara al que le sigue según el modelo de fases
de un cohete espacial; es sólo una sugerencia,
pero la célula del huevo, es más que conocido,
contiene el germen de un nuevo ser y las sustancias
de las cuales se podría nutrir. Por otra parte,
un gran porcentaje de esos seres suelen ser aves.

Veranstaltungshinweis:

Sonntag, 11. Februar 2018: DANTES DIÄT. Lesung und Gespräch mit Sergio Raimondi unter Mitwirkung von Timo Berger und Peter Holland. Beginn: 20h im ATTICO im Haus der Camaro-Stiftung Potsdamer Straße 98a (Backsteingebäude im 2. Hof ganz hinten) 10785 Berlin 4. Stock, Lift auf Anfrage

Mit seinem „kommentierten Wörterbuch“ schreibt Sergio Raimondi, der zu den wichtigsten lateinamerikanischen Dichtern gehört, seit Jahren an einem enzyklopädischen Weltgedicht, von dem Auszüge auch in deutscher Sprache publiziert wurden. (Berenberg, 2012) Das Interesse des 1968 geborenen Argentiniers für ungewöhnliche poetische Idiome geht jedoch bereits auf seine erste Gedichtsammlung, POESIA CIVIL, zurück, die gerade in einer erweiterten Neuauflage bei Reinecke &Voss (2017) erschienen ist.

„Poesía civil“, das ist kein Relikt aus der Mottenkiste der engagierten Literatur, es ist ein längst vergessen geglaubter Ehrentitel für Gedichte, die Notiz nehmen von allem, was um sie herum geschieht und hinter ihren Rücken beschlossen wird, die sich über die Schwelle des eigenen Erfahrungshorizonts wagen, um mit ökologischen, soziologischen und gesellschaftlichen Realitäten Kontakt aufzunehmen. Fallstudien globaler wirtschaftlicher Zusammenhänge treffen in Raimondis Gedichten auf harte Arbeits- und Alltagsrealitäten, aus Konzepten und Paradigmen politischer und ökonomischer Systeme gewinnt er Allegorien des Poetischen. Wenn er die romantische Poesie einer kapitalismuskritischen Lektüre unterzieht oder einen technischen Herstellungsprozess mit allen Details wiedergibt, hat dieser Dichter etwas von einem realistischen Phantasten, dem kein Gegenstand zu sachlich ist, um nicht auch ein sinnliches Potential daraus zu schlagen. 

So ist in Raimondis Gedichten dem „Meer als Fanggrund“ ebenso zu begegnen wie dem „Klempner“ überkommener „ästhetischer Postulate“, der tollkühnen Grille, die vom Gesang nichts wissen will ebenso wie toxischen Transzedenzerlebnissen. „Ist der Dichter schon wach oder schläft er noch?“ Wie macht sich die „Abnahme roter Blutkörperchen“ in den Bilanzen der Dichtkunst bemerkbar? Engagiertheit scheint für diesen Dichter auch ein Synonym für strukturelle Verstrickung und dichterisches Denken erweist sich als höchste Bürgerpflicht – unter Verzicht auf Berichterstattung von den Krisenherden des eigenen Ich.

Noch lieber als in den Verästelungen globaler Geographie bewegt sich Raimondi übrigens in den Kellern des kollektiven Gedächtnisses von Bahía Blanca, seiner zwischen Pampa und Meer im östlichen Landesteil gelegenen Heimatstadt. Hier, wo Politik gemacht und Poesie geschrieben wird, tradiert und erinnert, gelebt oder „einen ganz privaten Tod“ gestorben, findet Raimondi Welt genug, um ein Dichterleben zu füllen. So ist es nicht weniger als ein Ereignis, wenn er der Hafenmetropole nun den Rücken kehrt, um ein DAAD-Stipendium in Berlin anzutreten: Im Attico widmen wir dem soeben angereisten Autor zusammen mit seinem Übersetzer Timo Berger sowie seinem Verleger Peter Holland einen zweisprachigen, deutsch-argentinischen Abend. „Noch sind die Werkzeuge nicht fertig“, aber: „Die Zukunft existiert“. (Theresia Prammer)

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