Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Jede Familie hat ihre Traditionen. Wir zogen uns schöne Sachen an, Kleider, Hemden und Anzugshosen, packten unsere Taschen mit Essen, Trinkflaschen, Gartenhandschuhen, nahmen jeder zwei Werkzeuge, Hacken, Schaufeln in verschiedenen Größen, Vater hatte eine besonders schwere Hacke mit Eschenstiel, auf dem sein Name eingraviert war. Wir setzten uns alle in die Straßenbahn und fuhren etwa zwanzig Minuten lang durch die Stadt, nahmen unsere Taschen und Werkzeuge wieder von den Sitzen und stiegen an der vorletzten Haltestelle aus. Es war ein Park, ein ziemlich großer, mit einem Spielplatz und einem Teich, dort gingen oft Familien spazieren und die Kinder fütterten die Enten im Teich. Der Park war für mich damals so unübersichtlich groß, dass ich glaubte, er wäre es groß wie die ganze Stadt, die wir mit der Straßenbahn durchfahren haben, vielleicht sogar größer, dabei war er in Wirklichkeit nicht so groß. Jedenfalls gingen wir weiter, Vater, Mutter, Bruder, ich, jeden Samstagabend und Sonntagmorgen, mit den Hacken und Schaufeln und Taschen, gingen auf unsere Wiese, stellten die Sachen hin und machten uns an die Arbeit. Als wir klein waren, Bruder und ich, liefen wir nur rum und suchten nach Unkraut, um es Vater und Mutter zu zeigen, damit sie es ausrissen, aber als wir größer wurden, machten wir das selbst und jeder von uns beiden hatte eine kleine Schaufel zum Geburtstag bekommen, mit der wir Löwenzahn, Klee, Spitzwegerich, Geißfuß, eigentlich alles, ob blühend oder nicht, aus der Erde graben durften. Vater mochte es nicht, wenn wir das Gras mit bloßen Händen zusammen mit den Wurzeln rausrissen, deshalb machten wir das nur, wenn er nicht zuguckte und mit seiner Eschenhacke weit entfernt war. Dann liefen wir auch einfach so herum oder taten, als ob wir nach irgendwas suchten, was angeblich  ins hohe Gras zwischen den Bäumen gefallen war und pflückten Kleeblumen und spielten Fangen. Manchmal schauten uns Leute zu und fragten, was wir hier machen, und wir erklärten es ihnen, Unkraut zupfen. Ein paar Mal kam jemand, dem es nicht gefiel, was wir machten, er sprach im strengen Ton mit Vater, aber verbieten konnte er es uns auch nicht. Ich mochte es sehr, an diesen Tagen ein Kleid anziehen zu dürfen, nicht immer Turnschuhe und Jeans, wahrscheinlich begann meine Liebe zu schöner Kleidung an den Wochenenden in diesem Park, als eine ältere Frau im Vorbeigehen sagte, so ein schönes Kleid, und ich spürte, wie ich rot wurde vor verlegener Freude. Auch weiß ich immer noch, dass Mutter gut aussah, wenn sie sich für den Park zurechtmachte, dann trug sie dunkelbraunen Lippenstift und ich wollte so aussehen wie sie. Wenn wir fleißig waren, ich und Bruder, und uns Vater dafür lobte, waren wir stolz auf uns, und überhaupt liebte ich es, Gras von meinen Händen abzuklopfen und den Geruch von Erde einzuatmen. Als ich um die sechzehn war, weigerte ich mich plötzlich, am Wochenende mitzufahren. Ich entwickelte meine eigenen Vorstellungen zur Unkraut, die ich so oft in den Händen gehalten habe, empfand sie als schön, interessant und nützlich und hätte sie am liebsten vor dem Gras beschützt. Außerdem wurde es mir peinlich, wenn mich meine Mitschüler im Park sahen, obwohl ich kaum etwas mit ihnen zu tun hatte, aber es war mir furchtbar peinlich, ich versuchte, mich hinter Bäumen zu verstecken, wenn ich sie früh genug sah, aber manchmal sahen sie mich als Erste und guckten mich schweigend an und gingen weiter und grinsten. Wenn ich mich weigerte, mochten Vater und Mutter mich nicht und wenn wir über Unkraut diskutierten, hatten sie immer das letzte Wort, auch wenn es nie die eigentliche Sache betraf. Sie hatten mich erzogen, mir so viel beigebracht, mir eine Hacke geschenkt, und nun wollte ich nicht  Sie wussten alles von mir und  ich schuldete ihnen alles, sagten sie, und ich wusste es auch und dachte in diesen Momenten, dass sie doch selber störendes Unkraut sind, aber dann fuhr ich wieder in den Park mit und sagte mir, dass daran nicht alles falsch sein kann.       

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