Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Auszug aus: Kachelklopfer

Wie fängt man etwas an, das man nicht beenden will?

Die Türen gehen auf. Zurückbleiben, bitte.

» It’s Party Time«, sagen die beiden Cowboys, einer spielt » Ring of Fire« von Johnny Cash, der andere lässt den Hut rumgehen. Eine Station später steigen sie aus, in den nächsten Waggon.

Meine Mutter ist schöner als deine, steht auf den winzigen T-Shirts hinter Glas,  an  den   Landungsbrücken, die T-Shirts gibt es nur in XXS: für Wehrlose, die weder lesen noch entscheiden können, was auf ihren T-Shirts stehen soll. Hätte man mir den Auftrag gegeben, den umsatzstärksten T-Shirt-Spruch für die Zielgruppe junge, stolze, dumme Mütter zu texten, ich hätte – einen guten Tag vorausgesetzt – genau das geschrieben.

»Zurückbleiben, bitte, die Gangway wird bewegt«, schnarrt es aus den Lautsprechern, »Love is a burning thing« hallt es in meinem Kopf, als die Hafenfähre ablegt, mit Busladungen von Kegelclubs; zurückbleiben müssen die nicht mehr, schäme ich mich für den Kalauer.

»Junger Mann, meine Frau und ich, bitte, aber den König der Löwen im Hintergrund, ja? – Sehr nett, danke, und da vorne, ist das nicht?!«

»LAURA! Da vorne! Ist! Die! AIDA! Die stinkt!«, krakeelt ein Gör, das man wirklich nicht Mädchen nennen möchte und das aussieht wie ein lebendig gewordenes Stück Mausespeck, aber sie hat recht. Die AIDA stinkt. Sie stinkt nach den Ausscheidungen menschlicher Angst. Ich habe nie gewusst, wie so was riecht, jetzt weiß ich es.

Vor der AIDA ist ein Wildgehege für Reisebusse, umzäunt von hohem Drahtgewirk, bewacht von Bewaffneten mit  scharfen Gewehren und scharfen Hunden, »Hier gilt die   Straßenverkehrsordnung« steht daran, ein Schild irgendwo im Kitzel zwischen Lachanfall und bodenloser Traurigkeit, und zum ersten Mal klettere ich da hoch, auf das Dockland, diese Imitation eines Kreuzfahrtschiffes neben dem Altona Cruise Center, die sogar ein wenig höher ist als die AIDA; ich sehe die Elbe und den König der Löwen und etwas, das aussieht wie ein Klär- oder Atomkraftwerk; ich sehe dieses schwimmende Sperrgebiet, diesen Hochsicherheitstrakt für Leute, die Spaß haben wollen, und frage mich, ob die Zellen in Gefängnissen auch so eng sind wie die Käfige auf der AIDA, aus denen verzweifelte Menschen winken, die nicht mehr zu retten sind. Sie haben sich das ausgesucht, denke ich, sie haben sogar dafür bezahlt, sie müssen sich jetzt nicht beklagen.

Kräne lecken an der AIDA herum, was irgendwie obszön aussieht, und unheimlich, weil keine Menschen darin sind, in den Köpfen dieser Tentakel, keine Menschen, die Dinge tun könnten, die man erwartet: die Fenster der AIDA putzen oder etwas reparieren, und ich frage mich, ob das den Leuten keine Angst macht, wenn sie in ihren Kojen liegen und aufwachen und denken, sie sehen gerade Madagaskar oder Papua-Neuguinea, aber was sie sehen, ist ein stählernes gelbes Alien vor blauem Grund. Ich glaube, ich würde denken, die AIDA wäre gesunken und das Gelbe wäre ein Tauchroboter, und vermutlich würde ich denken, geschieht ihr recht, mindestens so recht wie der Titanic mit ihrer Mehrklassengesellschaft und all den Träumen und Wünschen darauf, dieser idiotischen Hoffnung, es könnte irgendwo anders besser sein, es könnte sich irgendetwas ändern dadurch, dass man den Ort wechselt; die AIDA sollte zum Ghetto erklärt werden, zum Ghetto der Unzufriedenen und Zu-kurz-Gekommenen, die meinen, ihr natürliches Recht auf Erholung und Vergnügen kaufen zu können, sich ihr Anrecht auf Glück erarbeitet zu haben, dabei erarbeitet man sich nur Erschöpfung, während die schönsten und besten Dinge im Leben umsonst sind und die größte Leistung darin besteht, das annehmen zu können, das ganze Glück, und sich nicht schuldig zu fühlen dafür.

 

Aus: Ziegel 15 ·  Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017 · herausgegeben von Jürgen Abel · Antje Flemming ·Wolfgang Schömel · Dölling und Galitz Verlag Juni 2017

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