Text des Tages

brückentag

I

die sonne geht auf, und alles scheint wie immer.
die ersten schatten der großen tanne an der wand,
der fernseher auf stand-by, als würde er benötigt.

dein kleid auf dem boden, staubmäuse und kater
in feinster eintracht; die amseln auf dem fenstersims,
und wir noch in den federn / beim frühstück lassen

wir den abend revue passieren, das gesicht des
gastgebers beim öffnen seines geschenks,
die musik, das zu warme bier. ein white russian

hilft uns über die schwelle. morgen machen wir
weiter, sagst du, aber morgen ist nur ein wort aus
papier und spucke, von heute ganz zu schweigen.

 

II

ein wort aus papier und spucke, und jeder tag geht
irgendwie rum, okay, aber ist das ein trost? deine
haare noch nass vom duschen, mit feuchtigkeit

hat das nur entfernt zu tun. rubbeln, so als gäbe es
etwas zu gewinnen. beim kochen stehen wir uns im weg,
die rollen nicht klar genug verteilt. lecker, sagst du,

und ich weiß nicht, wen das beruhigen soll. den
abwasch erledigt die maschine; eine quizshow hier,
eine arztserie dort. später heben wir kleider auf, sortieren

socken, rauchend ein gang durch den garten –
wie einsam muss man sein, um das nützlich zu finden?
langsam begleiten wir den tag in den abend

 

III

wir begleiten den tag in den abend, schauen noch
ein wenig dem flug der fledermäuse zu, bevor wir die
jalousien runterlassen. auf dem sofa folgen wir bewegten

bildern, den unwetter-warnungen, den reiseberichten.
zugvogel müsste man sein, denkst du, aber sagen
tut das niemand. überhaupt wird wenig gesprochen /

die ersten rufe werden laut, das bett ein ort zum schlafen.
im badezimmer der blick in den spiegel, als würde man
sich darin sehen; stattdessen haare, falten, der schorf

auf einem mitesser. ja, zugvogel müsste man sein –
aber würde das etwas ändern? einzig der schlaf lässt
uns ziehen, erlöst uns von gedanken, gibt uns frei.

 

bisher unveröffentlicht

Mehr Bilder und Texte