Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

zimmli geil

An seinem ersten Schultag vor einem Jahr trug Fritz eine Krawatte.

Für neue Geräte, Phänomene und Systeme müssen neue sprachliche Begriffe gefunden werden, die möglichst alle verstehen.

Die Schlange hiess einst Lindwurm.

Ein Kassiber ist eine schriftliche Mitteilung, die im Geheimen von einer Gefangenen an andere Gefangene übermittelt oder an Personen ausserhalb des Gefängnisses geschmuggelt wird. Zuweilen werden Kassiber auch in Zeichensprache verfasst.

Ziemlich heisst das Gleiche wie sehr oder in grossem Masse. Früher bedeutete es, dass man anständig war und den sozialen Massstäben und Normen entsprach.

Der Männerrock ist ein sehr altes, traditionelles Kleidungsstück, das in weiten Teilen der Welt nach wie vor zur Alltags- und Festtagsbekleidung gehört.

Adam hat allen Tieren einen Namen gegeben und diese Eva, nachdem auch sie erschaffen worden war, mitgeteilt. Damit war die erste sprachliche Übereinkunft getroffen. 

Engel hiess in der DDR Jahresendflügelfigur.

Als Kind hatte ich eine Freundin, deren Mutter manchmal sehr gnadenlos sein konnte. Einmal musste meine Freundin Brot schneiden, aber ihre Mutter hat die krummen Scheiben angeschaut, sie in den Händen gedreht und gefragt: was ist das? Meine Freundin hat gesagt: Brot.

Das Privatsprachenargument von Wittgenstein besagt, dass Begriffe, die innere oder psychische Dinge bezeichnen, an äusseren Dingen festgemacht werden müssen. Nur so können die Begriffe auch von anderen verstanden werden.

Greta und Theo sind Namen, die wieder aufkommen. Konrad muss sich noch gedulden.

Dass Blau lange Zeit eine typisch weibliche Farbe war, kann man beispielsweise daran erkennen, dass Maria auf Gemälden fast immer blau gewandet ist. Hellblau war die Farbe für Mädchen und damit das kleine Blau.

Meine Kindergartenlehrerin hiess Fräulein Brütsch.

Jene gestrenge Mutter hatte meiner Freundin und mir verboten, in ihrem Haus das Wort lässig zu benutzen, weil es faul, träge und gleichgültig bedeutet.

Ein gemeinhin gefürchtetes Zeichen ist der Gaunerzinken, der an Haustüren, Fassaden oder Briefkästen angebracht wird. Organisierte Einbrecherbanden spionieren Häuser aus und hinterlassen ihren Komplizen auf diesem Weg Hinweise über die Beschaffenheit und das geschätzte Beutepotential. Solche Symbole wurden bereits im Mittelalter von bestimmten Bevölkerungsgruppen, die aufgrund ihrer sozialen Bedingungen mit Repressionen rechnen mussten, genutzt.

Mein Bruder trug als Kind mit Vorliebe Röcke, was auch deswegen ausserordentlich war, weil es in der Welt, in der ich aufgewachsen bin, für Mädchen verboten war, Hosen zu tragen.

Als ich meine japanische Freundin Risa kennenlernte, habe ich zuerst eine Weile geglaubt, sie heisst Lisa.

Das Wort geil stammt ursprünglich aus der Landwirtschaft und bedeutete, dass ein Boden zu stark gedüngt ist und die Wiese deswegen nicht kräftig genug wachsen kann. Heute wird dieses Wort genutzt, um zu sagen, dass man etwas besonders toll findet, es gilt aber in den meisten Zusammenhängen als unangebracht, weil es auch eine erotische Bedeutung hat.

Die Haut ist das grösste Sinnesorgan des menschlichen Körpers.

Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein war Rosarot eine Knabenfarbe. Rot stand für Blut und Kampf und war damit eine typische Farbe für Männer.

Das Argument, dass man etwas deswegen bezeichnet, wie man es bezeichnet, weil man es schon immer so bezeichnet habe, zeugt nicht direkt von Fortschrittsdenken.

Im Wort Pferdehändlerin steckt der Pferdehändler, in der Informatikerin der Informatiker und in der Autorin der Autor.

Es gibt linguistische Untersuchungen dazu, dass Jugendliche dialektal gefärbte Begriffe bewusst nutzen, weil diese Art zu sprechen ein identitätsstiftendes Moment ist.

Als mein Bruder an Krebs erkrankte, habe ich das meinen Freundinnen über zwei Wochen nicht erzählt, obschon ich sie jeden Tag sah. Ich war der festen Überzeugung, dass die Diagnose in dem Moment, als ich sie aussprach, wahr werden würde. Jahre später habe ich bei Susan Sonntag gelesen, dass es sich bei dieser Überzeugung um ein Phänomen handelt, das bei Angehörigen von Krebspatientinnen häufig auftritt. 

In die Diskussion, wie man Menschen unterschiedlicher Hautfarben bezeichnen soll, wirft jemand Weisses ein, dass Schwarz eigentlich keine Farbe ist.

Brot ist Brot und bleibt Brot, wird aber irgendwann hart, und eine Rose ist auch dann noch eine Rose, wenn sie verwelkt ist.

Heutzutage rufen sich manche Kinder aus gutem Haus Du Penis! hinterher.

Die Freimaurerinnen entwickelten in den Logen, in denen im Verborgenen agiert und kommuniziert wurde, ihr eigenes Alphabet.

Als ich knapp volljährig war, kam die Rechtschreibreform.

Die Frau des Pfarrers war die Pfarrersfrau, die Frau des Lehrers die Lehrersfrau und die Frau des Doktors die Frau Doktor.

Das Wort Baum ist zum einen ein Lautbild oder ein sprachliches Zeichen, zum andern hat das Wort Baum eine Bedeutung, wobei sich jede Nutzerin des Wortes einen eigenen Baum vorstellt.

Wenn ein Kind zur Welt kommt, kann man in den ersten Tagen noch nicht viel mehr über es wissen, als dass es eine Hautfarbe hat und ein Geschlecht.

Von Heinrich Böll stammt der Satz, dass die Gewalt von Worten manchmal schlimmer sein kann als jene von Pistolen oder Ohrfeigen.

Die Frage, ob eine gemalte Pfeife eine Pfeife ist oder nicht, ist noch nicht geklärt.

 

 

ULF - Unabhängige Lesereihen Festival

SOFALESUNGEN / LECTURES CANAP
Samstag, 16.00 – 17.30 Uhr | Stadt

Lesungen in privaten Wohnungen in der ganzen Schweiz

Sofalesungen bringen Literatur nach Hause: Die öffentlichen Lesungen in privaten Räumen sind persönlich, originell und unkonventionell. Sie finden in WG-Wohnzimmern, Ateliers, Hinterhöfen oder Schrebergärten statt und bringen lesende und schreibende Menschen zusammen. Das kuratierte Programm präsentiert Autorinnen und Autoren aus der Schweiz und anderswo mit einem speziellen Fokus auf überzeugende Prosa-Debüts. Die Gastgeberinnen und Gastgeber sind Leute wie du und ich, leidenschaftliche oder verhinderte LeserInnen, Professorinnen und Müllmänner. Durch den direkten Kontakt zwischen AutorInnen und Publikum entsteht eine einzigartige Atmosphäre und jede Lesung ist ein ganz besonderes Erlebnis. Seit 2019 gibt es die Sofalesungen auch in der französischsprachigen Schweiz: Dort heißen sie Lectures Canap.

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Gäste: Gianna Molinari und Tabea Steiner
Redaktion: Mariann Bühler & Venus Ryter (Basel), Eliane Schmid (Zürich), Selina Hauswirth & Sidonie Jeremic (Bern), Hanna Widmer (Aargau), Daniela Krienbühl (Zentralschweiz), Martina Keller (Winterthur), Rebecca Schnyder & Laura Vogt (Ostschweiz), Collectif AJAR (Romandie)
Team vor Ort: Mariann Bühler

Treffpunkt ULF-Festivalgelände: 15.30 Uhr KIOSK
Eintritt frei

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Das Festival findet statt im Z-Bau in Nürnberg:
Frankenstrasse 200
90461 Nürnberg

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