Text des Tages

sei alles und noch mehr

mir liegen keinerlei relevante informationen vor, die für ein gedicht taugen könnten, das noch nicht geschrieben wurde. ich lese querbeet durch einige bücher, schaue diverse gute und schlechte filme, gehe in die vulkanzerklüftete natur, an den strand, in das traumhaft blaue wasser, beobachte die schildkröten und quallen, wie sie so majestätisch dahinschweben (ganz frei von irgendwelchen willentlichen absichten, die außerhalb des ozeanischen einsseins auftauchen könnten, wenn jemand sie einfangen würde), ich telepathiere mit jeder muschel und jedem stein - doch egal was ich tue: nichts aber auch gar nichts führt zu einer echten inspiration! ich bin aktuell das unkreativste bewusstsein dieses planeten; mein geist hängt in irgendeiner warteschleife, ich ahne allmählich, wie sich die meisten menschen ohne künstlerisches talent fühlen müssen, wenn alle konsumartikel langweilen, wenn alle gespräche um mode und urlaubsziele kreisen, wenn nichts zur intelligenten befragung des seins nach seinem sinn und zweck beiträgt. dieser zustand hat etwas gruseliges; denn ich beginne ein wenig paranoid zu vermuten, daß ich ein roboter bin. die gefühle, die mich (oder was ich für mich hielt) eigentlich antreiben, sind einfach verschwunden. gelöscht aus dem labyrinthischen gedächtnis, das sich nur noch an die bedürfnisse zu schlafen, essen und kacken erinnert. ach ja, und an DAS SPRECHEN: das sprechen als ureigenste eigenschaft der menschlichen seele. also rede ich jetzt erstmal laut vor mich hin, um mir selber den anschein zu verschaffen, es gäbe da eine seele und etwas zu sagen. ich höre die einzelnen wörter, wie sie zu sätzen verschmelzen, doch es besteht in mir kein impuls, über das gehörte nachzudenken. der klang aller wörter verflüchtigt sich in meinen ohren, ohne sich zu einem weiterführenden gedanken zu verstärken. ich empfinde nur gähnende leere und unendliche weite bei allem, was auf meine sinne einströmt. ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob es tatsächlich meine eigenen sinne sind, oder nur ein gewisses neuro-elektrisches verfahren, um den computer zu stimulieren, der mein gehirn seit der machtübernahme der nanoplastischen KI ersetzt. ich bin, glaube ich, nur noch ein zuschauer der datenverarbeitung. ein letzter hauch von identität irgendwo am äußersten rande der materie. mit einem fuß stehe ich schon in der leere - mit dem anderen steht das programm für bewegungskoordination auf der erde, die selbst keine reale muttererde mehr ist. unser grundwasser, der ackerboden, die pflanzen und tiere: alles verseucht und vergiftet von der zivilisation, die vor langer zeit einmal denken und dichten konnte. dieses gedicht ist der abscheulichste beweis dafür, daß der mensch sich schon längst schleichend umgebracht hat, ohne seinen genetischen genozid auch nur ansatzweise zu bemerken. hier hast du das ende der menschlichen rasse erreicht, die noch vor kurzem die eroberung des kosmischen exils plante. bedaure, zu spät, die verblödung ist vom präsidenten aufs volk übergesprungen. der virus ist unheilbar. sein natürlicher name lautet LIEBLOSIGKEIT, aber wir nennen ihn "fortschritt", den grenzenlosen gedankenlosen gnadenlosen fortschritt. das zeitalter der poesie ist endgültig vorüber. jetzt läuft wirklich alles wie am schnürchen. komm, wir bauen noch ein neues, noch gigantomanischeres teleskop, um wirklich alle, restlos alle sterne zu zählen! wir wollen unser neues rechenverfahren ausprobieren. der implantierte chip ist gut verheilt unter der künstlichen haut. das leben macht uns spaß; wir treiben lückenlos von einem auftrag in direkter hinführung zum nächsten. reibungsloses leben, das paradies genügt sich selbst, die letzten fragen eliminieren sich von alleine aus dem system. alles ist endlich seine eigene antwort. der stechende ruhige blick der schildkröte, ferngesteuert vom drohnenkrieger, unbemerkt von der qualle: sie streckt ihre lila tentakel und zieht sie wieder zusammen. der ozean schweigt andächtig. das schauspiel ist perfekt. die automatische gänsehaut vom datenspeicher registriert, aber ohne relevanz: ein gedicht!!

Aus dem dritten Gedichtband "SEI MEHR - Du bist es wert!"@ www.weltlyrik.de

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