Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Feldkircher Lyrikpreis 2017

ma 'l vento ne portava le parole
(Petrarca)

und weiterhin ziehende wespengespräche etc.
(Thomas Kling)

 

Ostrakon

giš-ti-frucht bestäubt ein
kerbtier sprach mit händen
rohr aus ton im sand

vom panzer baumeln worte
satzgewächs dem schädel
einverleibt und spricht

vom keil flüsterts weils
wellen sind die luft
am meridian wie kore

abwärts richtung kinn
im sinus-schwung dem
stimmbruch 2er putten

in den mund gelegt
folgt schrift aus tyros
(or somewhere else)

 

Stadt. Säle. Hallimasch (nach Caravaggio)

die körper punktiert
vorbeigeschrammt am glas
oder nenn es: sclera im profil

es fasern schleichwege den holofernes-
wirbeln die bugwelle gischt
und schärpt

und schaltet
das fühlen auf brustbein
das sprechen dort treibt luftwurzeln

tänzelnd
fuß- und schriftlos
bis abra wendepunkte pinselt

ins herz das lärmt an säulen
absätzen
theken und: wieder glas

des sagens schleppen-
verschleiß und der
der säle

der schutt dämmert
wie holz
(novaya zemlya)

 

Aerosol (en passant)

puls gestemmt
dem innenraum
dem horizont im ohr

a walk und dispersion
luftschächte filter-
zeichen

wangen
nah im voraus ab-
gewandt und schwindet

und:
tönt aus ein
blinklicht bricht *)

(im kies – ) große bärin
ich seh dich
kinderlos

_____________________________________
*)  abgesang im kies

 

Epitoma (Lamella Orphica)

ein lachen auf asphalt
ein stiefel-
tritt wie händigkeit durch fensterspalten

ein arm von stroh
gestreift im blick ein letztes
fahnenzeichen

ein frauenmund nur drift
und sätze nieselnd
als wär's gereimtes

besänftigendes barkarolen-
pendel später dann:
chimären-

wendung stimme mund
ein tritt auf kies ein sperlings-
oder hermesamt

anubismetren
ventrikelorte
bangigkeit dann:

silbenschwund
als wär's ein abschied
weiter fortgesetzt

ein tonschwund kahl
und ausgeknipst good bye
im bilsenkraut

 

postea Chimaira

herzbeschrankt wie grenzgang
papier'n (und mond-distanz)
ein auftrieb von medusen *)

kurz nur aug-
gebunden offen klafft
das wort nach schädelwende
drauf: ein göttinnengedenk

war nur kurz rückverwandt
monatsgeworfen im blick und trost-
gesänge wabern überm asphalt

und eine im ornat
wie ate oder:
war's ein quallenfang
ums kranzgefäß? –

du driftest ab
hinter dir
ein hohltierprotokoll

_____________________________________
*)  hinterm sternum

 

Wir gratulieren Thomas Amann herzlich zum Feldkircher Lyrikpreis 2017

Laudatio für Thomas Amann

Thomas Amanns Lyrik kommt einer poetischen Versuchsanordnung gleich, die aus präzisen Setzungen besteht. Dazwischen, selbst zwischen den einzelnen Worten, interveniert etwas, zündelt das Unausgesprochene, lädt sein Umfeld auf, so, als ob es ritualisierend raunte - und versetzt uns in wache Aufmerksamkeit. Wir sind gefordert, noch und noch einmal genauer nachzulesen oder hinzuhören.

„ein lachen auf asphalt/ ein stiefel-/ tritt wie händigkeit durch fensterspalten“ heisst es etwa in „Epitoma (Lamella Orphica)“ - und zwei Strophen später: „ein frauenmund nur drift/ und sätze (nieselnd)/ als wär´s gereimtes“. Bereits dieser kurze Auszug aus dem vorliegenden Gedichtzyklus verweist auf ein im besten Sinn zu verstehendes poetisches Kalkül. Emanationen bestehend aus mythologischen Sprach- und Bildwerdungen, Manifestationen einer in Sprache übersetzten Körperlichkeit „kurz nur auggebunden/offen klafft das wort/ stumm (nach schädelwende)“ im Gedicht „postea Chimaira“ formieren sich ebenso konsequent wie fragil.

Im Spannungsfeld zwischen Darstellen und Verbergen tauchen die Dinge auf und unter und erzeugen so einen Schwebezustand. Aufgespannt zwischen Schrift und Klang - sprachreflexiv mithin - tönen diese mitunter bizarren, avancierten Texte, deren Genealogie auch auf anderen Kunstgattungen wie Musik oder Bildende Kunst fußt.

Der temporär während der Lektüre entstehende Sprachraum kontrastiert als Oszillierendes jene ebenso unverrückbar wie übereilt hingeschriebenen Texte oder auch Bücher, aus welchen sich der Literaturmarkt derzeit wesentlich speist!

Thomas Amann wurde in Innsbruck geboren und lebt in Graz. Er ist Komponist und arbeitet erst seit wenigen Jahren als Lyriker. Umso herzlicher gratuliere ich im Namen der Jury zum Feldkircher Lyrikpreis! (Petra Ganglbauer für die Jury des Feldkircher Lyrikpreises 2017)

 

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