Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Dieses Gedicht hat heimlich angefangen, eine
andere Sprache zu lernen. Sie lugt schon zwischen
den Zeilen hervor, erschleicht sich einen der freien

Plätze im Bistro und verbreitet ihren Wortschatz
unter denen, die nicht sprechen können. Das Gedicht
hat keine Angst vor diesem Samisdat. Es hört und

lernt, nimmt das, was ihm gefällt, und sagt am Ende
я zu sich.

*

Dieses Gedicht empfindet sexuelle Lust beim Tragen
von Thrombosestrümpfen. Es neigt dabei zu einer
gewissen Haltlosigkeit. Mit bis zu zwanzig dieser

Strümpfe verschwindet es manchmal auf der
Dachterrasse. Im Winter sehe ich später seine
unruhigen Spuren im Schnee, und einmal fiel ein

Strumpf draußen am Fenster vorbei. Wenn das alles nur
ein Ersatz sein sollte, wie manche sagen, dann für was?

*

Im Hinterzimmer dieses Gedichtes brennt die ganze
Nacht Licht. Leute kommen und gehen; ein süßlicher
Geruch zieht zu mir herüber, wann immer die Tür sich
 
öffnet. Ich sitze nebenan und studiere das Kleingedruckte
im Mietvertrag. Doch da tut sich keine Lücke auf, keine
Klausel, die diesem Treiben ein Ende setzte. Wenigstens

dröhnen die dumpfen Bässe in einem Rhythmus, zu dem
mir ein paar Schritte einfallen.
 

Mehr Bilder und Texte