Text des Tages

all die kleinen steine rollen längst.
bangladesch zieht sich zurück, die malediven.

da sind menschen unter wasser, die tauchen nicht.
in new york baut man wolkenkratzer als staudämme.

berlin ist auch nur auf sand gebaut. schaut zu,
wie ihr land gewinnt. wir häufen erde auf, klopfen salz ab,
kratzen die stadt zusammen, lösen berlin aus dem land.

jetzt plustert sich die stadt auf, blüht auf dem meer, trudelt.
wir sind eine insel, fern aller inseln. eine seerose entzieht sich
der kartographie. die alte wasserwaage horizont wiegt uns.
wind, ein entfernter cousin, kommt zurück, jetzt schlägertyp.

per gesetz werden grenzen subtiler.
berlin ist eine teilbare stadt. wir teilen,
das haben wir derweil gelernt.

wir modifizieren unser körperding. es trödelt.
wir sind eingeschweißt wie erdnüsse, frieren nicht, dulden,
fusionieren dann wie verrückt. oder haben glücksanzüge an.

die gebäude häuten sich mehrmals im jahr, die gärten wurden in
in die vertikale gestemmt. früchte daraus sind nur etwas müder.

neue wesen haben sich nebenan installiert.
die sonne tuts nach wie vor.

 

FOKUS LYRIK

Eine Frage der Zeit - Lyrik zwischen Dystopie und Utopie. So · 10 März 11:00
Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich der Planet Erde der Menschheit entledigt oder sich die Menschen durch Wiederentdeckung alter oder Erfindung neuer Feindseligkeiten gegenseitig ausgelöscht haben werden. Andererseits weisen vertrauenswürdige Statistiken darauf hin, dass sich die Kindersterblichkeit und die Zahl der Kriegstoten in den letzten zehn Jahren verringert haben und mehr Menschen Zugang zu Trinkwasser haben als jemals zuvor. Ein Chor von Kassandren wird lauter, wortgewaltige Propheten, kritische Dichter und Dichterinnen, hellsichtige Medien und einige spekulative Realisten kommen im Gemurmel der Orakel mit Science-Fiction-Autoren, Neofuturistinnen und führenden Pessimisten zusammen. Im Hintergrund flackern die Schatten der Abstraktion und der ungarische Musiker Andy Vazul gibt uns eine Idee davon, wie es sich anhören könnte, wenn strahlen-besaiteter Weltraumschrott mit gelangweilten Kometendandies kollidiert. Mit den sehr ernsten und mehr als erfindungsreichen Dichter*innen Ann Cotten, Tim Holland, Kim Hyesoon und Verity Spott – sowie der Schattenschnittkünstlerin Gisela Oberbeck. Die deutschen Übersetzungen der Gedichte von Kim Hyesoon und Verity Spott trägt Simone Kornappel vor.

 

 

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