Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Sommernachtstraum

Morgens liegt hoher Schnee
und fällt weiter und fällt
und das Haus wird eine Arche.
Während die Kaiser in der Orangerie
steinern die Stellung halten
schaukeln die Enten zur Halle
zierlich folgen die Hühner
Singvögel ziehn drüber her
die Ziegen nehmen die Treppen wie Felsen
berühmte Katzen sehn aus den Fenstern der Bel Etage
die Hunde, atmende Standbilder, dösen vor dem Kamin
übers Mosaik schlittern Kröten
alle Ameisenstraßen führen ans Ziel
Eidechsen schlüpfen in jede Ritze
mit dem Dunkel die Geckos, Krokodilchen fürs Glück
die unschlagbaren Fledermäuse –
und wir, die wortreichen Deuter
treffen uns fröstelnd in Zimmern
voll Tiergeruch, mit erstaunlichen Sprachen.
Und draußen fällt Schnee und fällt
und die Taube ist in der Katakombe gefangen
und das Schüttelglas dreht sich und dreht.

Aus: „Was vor Augen liegt“, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2008
Eine Besprechung zu Tina Strohekers 2013 erschienenen Band LUFTPOST FÜR EINE STELZENGÄNGERIN finden Sie hier
Lesart: Uli Rothfuss über Strohekers Gedicht FRÜH

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