Fixpoetry

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Text des Tages

Zur samothrakischen Nike

Sie preist den Krieg und den Frieden
und gibt immer noch Rätsel auf,
hatte ein Schiff als Sockel
und wär
doch zu schwer auf einer Galion.
Gegenwind macht sie gegen ihn bäumen,
ihr Gewand scheint hauchdünn, wenn auch hinderlich lang
für den kräftigen Vorschritt.
Als Berliner Viktoria
veranschaulichte sich preußische Glorie
mit ihr als Blattgold-Erscheinung
und im Gespann mit einem Arbeiter
beschritt sie die Zukunft des Kolchos:
Mehrfach missbraucht wurde die un-
vollständig Gefundene,
obwohl man
an diesem Bild einer Frau
kaum etwas Freieres finden mag
als jenen Knick der Mitte auf ihr,
entwaffnend weich offen,
der durch die Leiste den Nabel quert,
die Linie zwischen ihren keck
in die Ferne gereckten Brüsten
lässig auffächernd in
übermenschlich vollendeter Gliederharmonie,
entfaltet wie das Mundtuch im Schoß
an einer allzu vornehmen Tafel,
arglos bloß wie im hausinnern Badezimmer,
einer echten Freiheit zu schreitend, während sie
jedem geilen Betrachter ihrer Jungfrauen-Brüste
das Gesicht vorenthält
mit der Bestimmtheit
ihres kräftigen Schritts
und reifer Hüften.

Das Stärkste an ihr
bleibt das rechte Knie,
fest im Fleisch wie ein Pferd,
Energie, die
zur Paarung lädt und die Wut fürchten lässt
einer Löwenmutter,
ihr Brüllen (ohne Maul), starke Arme (die ihr fehlen), einen Fußtritt (keine Zehen).

Ja, sie ist Hausfrau und Furie, ungemannt, Sieger.
Alle Männer der Welt – erfahrene Krieger und die
noch bartlos ins Schlachten ziehen –
sehen zu ihr auf,
meinend,
es wären die mächtigen Schwingen, die blenden.

Aus: Ute Eisinger, DICHTE KERNE.

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