Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

In Weimar

Da ist der spät blühende Flieder
die grüne Knospe beharrlicher Lippen
und eine noch unerlöste Welle
und der Landstreicher–Regen
Ivo Andrić: „Weimar im Jahr 1932“

 

Juni. Da blühen Linden unterwegs zum Gartenhaus
und Rosenstöcke an der Hausseite
anders als die Natur selbst
die hier etwas aussät und dort etwas wachsen lässt

Dann bergauf die Sichtachsen vom Ettersberg
Skizzen von Grundrissen vom Stacheldrahtverhau
die Luft als Grab
etwas verneint sich selbst (und du weißt nicht mehr was)
etwas was entblättern lässt und blühen die Nacktheit

Zurück in die Stadt am Abend
Tabea spielt Antonio Vivaldis Sonate Nr. 3 in a-Mol
es ermahnt dich manch entlockter Klang

später der Schall vom Pferdehufen auf Steinpflaster
dürre Aufzeichnungen von Zwangswegen
bis tief in die Nacht schlaflose Fenster
so rasch anstatt Worte werden Bäume nächtens licht

Neunzehnter Jahrestag

Was wird werden aus dir wenn die Frage an dich
Was für eine Landsfrau sind Sie? immerdar bleibt?
Ich? Ich komme aus ... Nein, ich meine...
Sie fragen nach der Herkunft? Ja, wegen der Sprachmelodie.
Wer fragt nach was Künftiges? Wer weiß die Antwort
was aus uns wird? Wer hängt mit mir nieder die Grenzstränge?

Nachschrift

Ob ich zurück bin und woher
jetzt ruft her aus einem andern Raum der Handwerker
wo ich verreist war
in Weimar rufe ich hin
wo ist Ihre Heimat ruft er zurück
sie ist in dem Gedicht das ich gerade lese
würde ich sagen würde er es verstehen
vielleicht soll ich aufstehen und zu ihm hinübergehen
das Herüber und Hinüberrufen umgehen
dass wir uns nicht missverstehen
der Auftrag läuft unsre Sprechzeit ist begrenzt
wir können aus der Nähe die Stadt wiederholen und vermeiden
verzeihen Sie mir der Name an Ihrer Tür lässt mich denken
Sie sind nicht von hier und
ich komme von drüben aus einem Ort bei Nordhausen unweit
von Weimar

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