Fixpoetry

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Text des Tages

DIE POSTBOTIN

die postbotin. manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich auf die postbotin warte. sie singt beim verteilen der werbewurfsendung. ich glaube, sie ist die einsamste frau der welt. manchmal hält sie einen brief ans ohr
und lauscht den stimmen.

heimat los. die nacht ist gelb und liegt langgestreckt zwischen feld
und wald. irgendwo surren autos und fliegen. in der ferne knipst
die großstadt ihre lichter aus. die nacht ist grün. manchmal wechselt sie
in ein blau oder violett. die sterne schwimmen wie seeungeheuer
am firmament. gerne würde ich wissen, wo du bist, oder dich
etwas fragen. in deinem letzten anruf sagtest du, dass du vielleicht
nach afrika gingest oder in die antarktis. genau festlegen würdest du dich erst unterwegs oder nie.

die nacht ist wie beeren: blaubeeren, erdbeeren, brombeeren, himbeeren und preiselbeeren, sanddorn und schlehen. und später wird sie wie nüsse und mandeln sein.

prūsai. das schilf lehnt an den wind, und seepferde grasen
im strandhafer. die dünung heißt nehrung und das stück meer daneben haff. małgorzata weint. jacek ist fort, und andrzej tot. aber wen
kümmert das.

vaterträume liegen im boot, und das boot liegt am ufer und schaukelt
im see. und mutterträume. aber mutter steht mit beiden beinen fest
am ufer und schaut hinaus auf das wasser.

eigentlich kannte ich vater gar nicht, und auch mutter kannte ihn kaum. ich weiß nicht einmal, wann, wo und wie er starb. wenn du das jemandem sagst, das glaubt dir keiner. aber wann mutter starb, und wo, und wie, weiß ich ganz genau.

ich erinnere mich, wie vater mir abends im bett zum einschlafen seemannslieder vorsang, in seinem mecklenburger platt, oder er spielte auf der mundharmonika.

mutter hatte nie etwas übrig für seemannsgarn und derbe späße. manchmal stelle ich mir vor, dass vater in einem boot liegt, das boot liegt am ufer, und mutter steht mit beiden beinen fest an land und blickt hinaus auf den see. sie war am ende nur noch haut und knochen, und sie hatten ihr das kinn mit einem weißen tuch hoch gebunden.

die urnengrabstelle ist schon lange abgelaufen, und ich überlegte, ob ich den stein für mich selbst behalten sollte. aber silvia war dagegen.

du sollst vater und mutter ehren.

nachbars katze. müde und matt schlägt die kirchturmuhr. schläfrig döse ich auf dem sonnigen balkon. nachbars katze liegt im sommergras
und denkt an gar nichts. oder träumt sie sich eine maus. oder schnee. silvia liest in der zeitung die todesanzeigen.

mutter starb an einem grauen novemberabend. das boot hatte sich
vom ufer gelöst und trieb auf dem see. mutter lag darin und war tot.
kein fährmann, vater nicht, und auf der anderen seite gab es
kein blühendes apfelland. ich stand am ufer und weinte. vater sang seemannslieder, aber die hörte ich nicht.

der zeiger der uhr rückt weiter. die glocken läuten zum abendgebet.
ich denke an den ersten schnee, der bald fallen und das grab
zudecken wird. die katze bringt eine maus.

niemandsland. die schienen führen nach polen, durch das niemandsland bis zur endstation. alte waggons rattern über die schwellen. zu beiden seiten flaches land. irgendwo in der ferne das meer, die nehrung, das haff, und kraniche weiden im salz. wenn sie zurück kommen oder nach süden ziehen, im formationsflug, wird wieder jemand gestorben sein.
und vielleicht wird sein grab im fernen russland liegen, oder vor einem tanzboden, zwischen zerbrochenen wodkaflaschen, und die burschen werden um den toten herum stehen, und die mädchen werden
schreien und fragen: ist der tot. und ein mädchen wird schreien
und weinen und schreien: du hast ihn umgebracht. und der bursche wird sich abwenden von dem leichnam und fortlaufen zurück in das dorf.

und in russland wird ein anderer tot im staub liegen, und der wird
kein grab haben.

wenn der zug durch das niemandsland fährt, werden sie die vorhänge
der fenster zuziehen. das meer ist nicht mehr weit, die nehrung, das haff, und am himmel der formationsflug der kraniche, ein mädchen wird einen anderen burschen nehmen, und ein anderes mädchen wird warten und keinen mehr nehmen. andere waggons rattern zur endstation, und keiner wird je zurückkehren. nicht die kinder, nicht die frauen und männer, nicht die greise. man wird sie verscharren im sand, und niemand wird um sie weinen, denn da wird niemand mehr sein, sie zu beweinen, denn auch jene werden verscharrt sein. schalom.

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