Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Kamera ab

Ich schmiege meinen Rücken
an den Heizkörper. Heinrich Ratjen
quält sich neben mir auf dem Bett.
Es ist kalt, doch zumindest
streichelt er mich. Heinrich ist
ein sechsundachtzigjähriger
Mann mit weiblicher Seele –
die beste Hochspringerin,
die jemals lebte.

Er könnte mir etwas Milch servieren,
dann wäre ich zufrieden.
Ich werfe ihm das aber jetzt nicht
vor. Er ist so traurig wie Herculine
Barbin oder Garfield
in der Weihnachtszeit.

Er darf sich nicht umbringen –
das kann ich nicht zulassen.
Ich bin ganz auf ihn angewiesen.
Deshalb sorge ich dafür,
dass seine Medikamente
regelmäßig auf dem Teppich
landen, und springe
auf den Gasherd – halte von dort
Ausschau. Heinrich liegt
oder sitzt nur da, mitunter
steht er auf, um mir etwas Milch
zu geben. Er redet viel
über das Hochspringen
und darüber, dass er nun
mit Anlauf in den Tod springt.
Zum Glück legt er sich
stattdessen neben mich
und streichelt mein Fell.
Ich schnurre.

Aus: In Frauenkleidung, edition mosaik 2019

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