Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Liebe Rrose Selavy,

ich sah die Assamblage mit Vogelkäfig.
Diese eingesperrten Gegenstände
verwirrten mich zuerst – als hielte man
ein Niesen zurück. Im Restaurant
Nostalgie kam mir dann beim Umrühren
des Kaffees der Würfelzucker
in den Sinn. Den Marmorwürfeln hinter
den Gittern ergeht es so wie mir,

eingesperrt in meinem glücklichen
Zuhause in Queens, zusammen
mit meinem Bruder und meiner Mutter.
Ich weiß nicht, ob du dich
gerade für eine Frau oder für einen Mann
hältst, aber der Krieg ist aus.

Ich habe keinen Doppelgänger,
der mir das Tragen von Frauenkleidung
erlaubt. Ich besuchte aber ein Kabarett
und sah Zdeňka Koubkova.
Der Kurator nahm mich mit
und gab vor, es werde Tänzerinnen
in Tüll geben, doch als ich
den jungen Mann mit Schnurrbart sah,
der einst Weltmeisterin im Laufen
gewesen und nun als Balletttänzerin
gekleidet war, verdeckte ich die Augen.
Ab und zu spähte ich durch
meine Finger, und so sah
ich den Unterteil seines Körpers –
er ist gar kein Mann:
Er hat zwar Hoden, aber weiter oben
ist nur eine haarige Vertiefung.

Da musste ich an dich denken,
liebe Rrosé. Oder Eros? Oder Marcel?

Joseph Cornell
NYC, 3708 Utopia Parkway

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